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Lichtspiegelung auf Wasser
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„Machtverhältnisse schreiben sich in den Körper ein“

Wie körperzentrierte Bildung Handlungsräume eröffnet

Ein Gespräch mit Aki Krishnamurthy über Theater der Unterdrückten, Social Justice Somatics und die Verbindung von Denken und Fühlen in der politischen Bildung

Zur Person:

Aki Krishnamurthy (Körperdialoge) ist Politologin, Empowermentbegleiterin und Theater- und Tanzpädagogin mit Fokus auf Machtverhältnisse aus intersektionaler Perspektive und Schwerpunkt auf Rassismus und Geschlechterverhältnisse. Sie hat über die Verbindung von Körper und sozialer Transformation promoviert, arbeitet seit vielen Jahren mit körperzentrierten Ansätzen und begleitet Bildungs- und Empowermentprozesse, insbesondere mit Methoden des Theater der Unterdrückten und Ansätzen aus den Social Justice Somatics. Der Körper ist für sie zentraler Ausgangspunkt für persönliche, soziale und politische Veränderung.

Unser Körper wird in der politischen Bildung oft nicht mitgedacht, Reflexionsprozesse in Workshops und Bildungsräumen sind oft rein kognitiv angelegt. Mal ganz grundsätzlich gefragt: Was ist anders, wenn wir den Körper mit einbeziehen?

Die Frage zeigt eigentlich schon, wie wir unseren Körper immer wieder von uns dissoziieren. Als gäbe es auf der einen Seite mich und auf der anderen Seite meinen Körper, den ich mitnehme, mitdenke. Wir pflegen ihn, trainieren ihn, ernähren ihn bewusst, er soll funktionieren. Als wäre er ein Objekt außerhalb unserer selbst. Aber: Ich bin Körper. Wenn ich für mich sorge, bedeutet das, auch für meinen Körper zu sorgen. Wir sind gewohnt, Körper und Geist zu trennen, zu kontrollieren und zu optimieren. In der Realität gibt es diesen Unterschied nicht – beide sind untrennbar miteinander verbunden. Insofern ist das Bild, „den Körper mitzudenken“ bereits in sich widersprüchlich.


Warum genau ist das für die politische Bildung relevant?

Weil es eine direkte Verbindung gibt zwischen dem Umgang mit Körpern und den gesellschaftlichen Machtverhältnissen, in denen wir leben. Machtverhältnisse wie zum Beispiel Rassismus, Sexismus oder Ableismus basieren auf der Hierarchisierung von Menschen anhand ihrer Körper, verbunden mit einer Abwertung bestimmter Körper. Das zeigt sich, wenn weiblich gelesene, rassifizierte oder andere Körper, die nicht der vermeintlichen Norm entsprechen, abgewertet werden. Diese Trennung von Körper und Geist hat historische Wurzeln in der europäischen Moderne und wurde im Kolonialismus brutal umgesetzt. Sie wirkt bis heute fort. Wer gesellschaftliche Machtverhältnisse verändern will, muss diese Trennung hinterfragen. Fühlen und Denken, Körper und Geist sind immer miteinander verbunden.

Welche konzeptionellen Bezüge liegen deiner Arbeit zugrunde?

Meine Arbeit ist stark vom Theater der Unterdrückten und von den Somatics geprägt, genauer vom Konzept der Social Justice Somatics, das Somatics und Social Justice miteinander verbindet (siehe Infokasten). Sowohl Social Justice Somatic wie auch das Theater der Unterdrückten nehmen zum Ausgangspunkt, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse in unsere Körper eingeschrieben sind und schlagen Methoden vor, um dies zu erforschen und zu verändern.

Ein zentrales Konzept der Social Justice Somatics ist das der "conditioned tendencies": Jede*r von uns reagiert auf Stress oder Bedrohung nach bestimmten Mustern – z. B. mit Angriff, Rückzug oder Erstarrung. Diese Reaktionen sind eine Kombination aus transgenerationalem Wissen – also weitergegebenem Körperwissen – und dem, was wir in unserer Kindheit und in unserem Umfeld gelernt haben. Gerade Menschen aus marginalisierten Communities haben oft emotionale Überlebensstrategien entwickelt, um mit Diskriminierung oder Gewalt umzugehen, wie zum Beispiel Anpassung, Beschwichtigung oder Wut. Diese Strategien waren notwendig, können aber im Erwachsenenleben auch hinderlich sein.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Zum Beispiel kann es sein, dass jemand als Kind auf emotional stressige oder bedrohliche Situationen mit Erstarrung, mit innerer Flucht reagiert hat, weil es keine Möglichkeit gab, sich zu wehren und niemand dem Kind geholfen hat. Jetzt ist die Person erwachsen und möchte klare Grenzen ziehen, wenn sie sexistisch oder rassistisch behandelt wird. In der entsprechenden Situation bringt sie aber kein Wort raus und fühlt sich nicht handlungsfähig.

Wie setzt körperzentrierte Arbeit hier an?

Sie hilft zunächst, unser Körperwissen kennenzulernen. Wenn ich meine Gefühle und die Signale meines Körpers beobachte, kann ich fragen: „Was passiert gerade in mir? Was stört mich, was bedroht mich? Wie möchte ich reagieren?“ Ohne Zugang zu diesem Teil bleibe ich in automatischen Schleifen hängen. Denn in diesem Moment laufen auch physiologische Prozesse ab, unsere conditioned tendencies sind in unseren Muskeln gespeichert. Ich kann intellektuell viel überlegen, aber solange der Körper reagiert, fühle ich oft Abwehr. Ich kann versuchen, es irgendwie zu verstecken oder darüber hinwegzugehen, aber meine ganze Haltung ist eigentlich: Nein! Erst wenn ich bewusst erfahre, was in meinem Körper gespeichert ist, kann ich mich auch bewusster für eine Reaktion entscheiden. Daraus entwickeln sich neue Handlungsoptionen.

Erfahrungen von Ausgrenzung und Diskriminierung schreiben sich in den Körper ein. Gilt das dann auch umgekehrt – speichert sich auch eine privilegierte gesellschaftliche Position im Körper?

Ja, das gilt auch umgekehrt. Menschen, die einer gesellschaftlich privilegierten Gruppe angehören, haben bestimmte Reaktionsweisen und Gewohnheiten, die ihnen oft nicht bewusst sind. Manche Dinge sind für sie ganz selbstverständlich, die dies für andere nicht sind. Zum Beispiel, sich im öffentlichen Raum zu bewegen, ohne angestarrt oder angefeindet zu werden, ohne Gewalt zu fürchten. Oder, in einer sozialen Situation gehört und ernstgenommen zu werden. Dabei gilt allerdings auch: Die meisten von uns sind in ihrem Leben nicht ausschließlich privilegiert oder marginalisiert. Je nach Kontext und Situation haben wir bestimmte Privilegien oder erleben Marginalisierung.


Die kollektive Ebene – Erfahrungen aus dem Forumtheater

Körperzentrierte Ansätze in der politischen Bildung setzen sich aber ja nicht allein mit der individuellen Ebene auseinander. Wie kommt hier die kollektive Ebene ins Spiel?

Auf kollektiver Ebene ermöglichen körperzentrierte Ansätze wie zum Beispiel das Theater der Unterdrückten von Augusto Boal, gemeinsam Veränderungsmöglichkeiten zu erforschen. Im Forumtheater als der bekanntesten Methode aus dem Theater der Unterdrückten werden eigene Diskriminierungs-Erfahrungen zusammengetragen und daraus eine Szene entwickelt. Diese zeigt eine konkrete Situation von "Unterdrückung" mit einer oder höchstens zwei betroffenen Personen: der*die Protagonist*in. Außerdem gibt es eine oder mehrere Personen, von der die Gewalt oder die Machtausübung ausgeht, der*die Antagonist*in. Meist gibt es noch weitere Personen, potenzielle Verbündete beider Seiten.

Die Szene wird vor einem Publikum gezeigt. Anschließend können Zuschauende aus dem Publikum auf die Bühne kommen und die Protagonist*in-Person austauschen, um zu versuchen, die Situation zu verändern.

Welchen Effekt hat es, wenn wir eine Situation spielen, statt sie zu nur mit Worten zu beschreiben und anschließend Handlungsstrategien zu diskutieren?

Eine typische Erfahrung beim Forumtheater ist, dass ich als Zuschauerin eine bestimmte Idee im Kopf habe: Die betroffene Person muss dies oder jenes machen, ist doch klar! Dann gehe ich in die Szene hinein und meine Strategie funktioniert nicht. Denn da sind andere Menschen um mich herum und mein Körper macht auf einmal nicht das, was ich eigentlich vorhatte. Oder es kommt bei den anderen überhaupt nicht so an, wie ich mir das gedacht hatte. Ich erfahre beim Forumtheater also viel unmittelbarer, welche Reaktionen es auf meine Aktionen geben kann – oder auch nicht.

Nach einer Forumtheaterszene wird besprochen, was sich verändert hat. Woran war die Veränderung zu bemerken? Wie hat sich das für die Beteiligten angefühlt? Als spielende Person spürt man oft ganz andere Dinge als das Publikum. Es entwickelt sich ein kollektiver Dialog, der von der körperlichen Erfahrung ausgeht.

Das Sprechen über bestimmte Strategien, die zur Veränderung der Situation geführt haben, ist ein zentraler Bestandteil. Aber die wichtigste Erfahrung liegt darin, etwas mit dem Körper ausprobiert und erfahren zu haben. Dann ist es nicht mehr nur eine Strategie, die ich mir im Kopf vornehme – ich muss mich größer machen, tief durchatmen, mit festerer Stimme sprechen, den Blick heben und so weiter. Sondern eine Erfahrung, die ich in meinem Körper erlebt und gefühlt habe.

Forumtheater ist also eine Art Erfahrungslabor, um Machtverhältnisse zu erkennen und Veränderungsstrategien zu entwickeln?

Genau. Wobei wir nicht erwarten dürfen, dass wir nach einem solchen Prozess sofort in der Lage  sind, Veränderungen genauso umzusetzen. Forumtheater ist erstmal ein Raum zum Ausprobieren. Bis sich etwas wirklich ins Körpergedächtnis einschreibt und mein Verhalten nachhaltig verändert, bis es also das wird, was die Somatics-Praktikerin Staci Haines eine "embodied practice" nennt, dauert es sehr lange und braucht unglaublich viele Wiederholungen. Ich sehe Forumtheater deshalb als einen ersten Impuls, der mir zeigt: Es gibt auch noch andere Möglichkeiten und Handlungsstrategien, als das, was ich bisher verinnerlicht habe.

Welche Lerneffekte gibt es für die Zuschauenden?

Auch wenn ich nur zuschaue oder eine nicht direkt betroffene Person in der Szene spiele, macht das etwas mit mir. Zum einen ermöglicht es eine sehr genaue Betrachtung von Machtverhältnissen im sozialen Miteinander. Manchmal werden auch Motivationen oder Bedürfnisse der Antagonist*innen sichtbar oder neue Ansatzpunkte für Veränderung, die zuvor auf diese Weise nicht erkennbar waren. Aber vor allem sehe ich als Zuschauende: Sobald eine Person in der Szene etwas anders macht als zuvor, verändert sich etwas im System.
Ich stelle bei der Analyse einer Szene mit dem Publikum auch gerne die Frage: Was wollte die betroffene Person denn eigentlich machen?

Warum ist diese Frage wichtig?

Weil Diskriminierung nicht nur die direkte Folge hat, dass Menschen ausgegrenzt werden und Gewalt erfahren. Sondern auch dazu führt, dass ich als diskriminierte Person so viel Energie in den Umgang mit Anfeindungen stecken muss, dass ich in meinem eigentlichen Handeln und Wirken stark eingeschränkt bin. Toni Morrison hat dies auf den Punkt gebracht mit ihrer Beobachtung, dass eine der zentralen Funktionen von Rassismus Ablenkung ist: „Rassismus hält dich davon ab, deine Arbeit zu tun. Stattdessen bist du damit beschäftigt, immer und immer wieder zu erklären, warum du ein Recht hast, zu existieren.“

Die Frage, was die Protagonist*in eigentlich machen wollte, bevor sie in die Situation gekommen ist,  führt also weit über die einzelne, individuelle Situation hinaus. Sie macht deutlich, welche gesellschaftlichen Folgen Diskriminierung hat.

Wo liegen die Grenzen dieser Arbeit?

Forumtheater ist für Kontexte und Situationen gedacht, in denen es einen gewissen Handlungsspielraum gibt. Es funktioniert als Methode nicht für jede Situation. Augusto Boal sagte immer, wenn jemandem eine Waffe vors Gesicht gehalten wird, dann ist das kein Forumtheater-Moment. Da können wir höchstens mit der Methode des Forumtheater gucken, was vorher passiert ist oder an welchem Punkt man eventuell noch etwas hätte verändern können.

Der Handlungsspielraum ist wichtig, denn beim Forumtheater und generell beim Theater der Unterdrückten geht es wie gesagt vor allem darum, die Perspektive darauf zu richten, wie wir Veränderung schaffen können. Für Menschen, die in ihrem Alltag sehr oft Diskriminierung erleben, ist es irgendwann schwierig, diese Option überhaupt noch zu sehen und nicht zu denken, sie hätten ohnehin nichts ändern können. Meine Aufgabe als anleitende Person ist also, die Gruppe dabei zu unterstützen, ihr eigenes Veränderungspotenzial zu spüren. Es geht um das Erkennen von Handlungsoptionen, nicht um sofortige Lösungen.


Context matters – Fragen der Anwendung

Ist es sinnvoll, Forumtheater mit gemischten Gruppen einzusetzen, in denen einige von einer bestimmten Form der Diskriminierung oder Gewalterfahrung betroffen sind und andere nicht?

Die kollektive Erfahrung ist wichtig, deswegen bietet sich Forumtheater vor allem für die Arbeit mit Gruppen an, in denen alle oder die meisten von dem gleichen Machtverhältnis betroffen sind. Es kommt meiner Erfahrung nach allerdings auch sehr auf den Kontext an.

Der Ursprung des Forumtheater liegt in Lateinamerika und Augusto Boal war stark von Paulo Freires Pädagogik der Unterdrückten inspiriert. Bei der Pädagogik der Unterdrückten ging es ursprünglich darum, dass Menschen, die in einem Stadtviertel oder Dorf zusammenlebten, ein Bewusstsein für gesellschaftliche Ungleichheitsverhältnisse entwickeln, die ihr Leben bestimmten und sie darin zu bestärken, diese Situationen zu verändern.

Wenn du mit einer Gruppe in einem Dorf oder einem Stadtviertel arbeitest, dann hat das eine bestimmte Verankerung und die Menschen haben eine geteilte Erfahrung. Es gibt zum Beispiel in West Bengal in Indien heute eine große Theater der Unterdrückten-Bewegung namens Jana Sanskriti. Das sind Menschen, die Forumtheater in ihren eigenen Dörfern organisieren. Sie spielen Szenen in ihren Communities, in ihren Stadtvierteln. Da gibt es eine ganz andere Verbindlichkeit zwischen den Teilnehmenden, als in einem Workshop-Kontext. Wenn es da in einer Szene um sexistisches Verhalten geht und eine cis-männliche Person auf der Bühne interveniert, dann kann dieser Mann danach von den anderen ganz konkret zur Rechenschaft gezogen werden: Du hast beim Forumtheater selbst gesagt, dass ein solches Verhalten nicht in Ordnung ist, dass du gegen häusliche Gewalt bist.

Und im deutschen Kontext?

In Deutschland findet Forumtheater oft als Workshopangebot statt. Was sozusagen eine künstlich geschaffene Community für diesen einen Workshop ist. Eine Schwierigkeit ist meiner Erfahrung nach in vollkommen gemischten Gruppen oft, dass ein Teil der Teilnehmenden wenig oder kaum Erfahrungen mit Situationen von Unterdrückung oder Diskriminierung hat. Manchen fallen schlicht und einfach keine Beispiele ein, die sie erlebt haben. Während andere Teilnehmende sagen: „Ja, also gestern ist mir dies passiert, letzte Woche jenes.“ Es kann schwierig sein, eine gemeinsame Szene zu entwickeln, wenn die Erfahrungen völlig unterschiedlich sind.

Und es besteht die Gefahr, dass dann "gute" Ratschläge kommen, die sehr fern der eigenen Erfahrung sind. Zum Beispiel wenn Nicht-Betroffene sagen, du musst natürlich dagegen ankämpfen, den Mund aufmachen, du hast doch Rechte! Oder wenn sie empfehlen, das eigene Bedürfnis nach Unversehrtheit und Respekt doch bitte sachlicher zu artikulieren, „nicht so wütend“. Solche Ratschläge kommen aus einem ganz bestimmten Selbstverständnis, das mit einer privilegierten Position in der Gesellschaft zu tun hat. Mit der Erfahrung, dass ich eine Chance habe, für meine Rechte einzutreten. Dass ich meine Rechte überhaupt kenne. Für die betroffene Person kann so ein Ratschlag auch die Botschaft enthalten, dass sie es nicht geschafft habe, sich zu wehren, oder dass sie zu aggressiv sei. Im schlimmsten Fall verstärkt sich dadurch ihr Gefühl der Ohnmacht.

Aber ist der Bezug auf Rechte nicht auch wichtig, gerade in der Bildungsarbeit? Es geht ja auch darum, zu vermitteln, dass alle Menschen Rechte haben, dass diskriminierte Gruppen ihre Rechte kennen müssen und dass wir einschreiten sollten, wenn Rechte eingeschränkt werden.

Ja, natürlich. Aber als betroffene Person ist wichtig, erstmal ein Bewusstsein dafür zu entwickeln, dass mir meine eigene Nicht-Reaktion oder meine Wut lange dabei geholfen haben, in einem gewaltsamen System zu überleben. In vielen kleinen Schritten kann ich dann schauen, ob es in einer bestimmten Situation sinnvoll ist, anders zu reagieren. Abwägen, welche Konsequenzen eine Konfrontation für mich hat. Und vor allem kann ich mich fragen, was ich selbst brauche. Vielleicht möchte ich der unterdrückenden Person gar nicht mehr so viel Aufmerksamkeit schenken. Oder ich möchte sie in einem anderen Moment gemeinsam mit anderen Menschen zur Verantwortung ziehen.


Körperzentrierte Ansätze in der Schule

Eignet sich Forumtheater aus deiner Sicht für die Arbeit in der Schule?

Forumtheater ist wie gesagt auf die Analyse und Veränderung von Machtverhältnissen und auf Befreiung von unterdrückenden Zuständen ausgerichtet. Schule ist ja sehr stark von Machtstrukturen durchzogen, die auch nicht so einfach zu verändern sind, das Machtgefälle zwischen Lehrer*innen und Schüler*innen zum Beispiel. Wenn ich also in der Schule mit Forumtheater arbeiten will, sollte es unbedingt in einem freiwilligen Kontext sein und ohne die Lehrer*innen. Für Konflikte, die innerhalb einer Klasse existieren, finde ich es allerdings schwierig. Weil Forumtheater eben kein Tool für Konfliktlösung oder Mediation ist. Das ist wichtig, zu betonen, weil es immer wieder so eingesetzt wird.

Kannst du das näher erklären? Wo liegt genau der Unterschied?

Bei Ansätzen zur Konfliktbearbeitung, wie zum Beispiel in einer Mediation, geht es darum, dass beide Seiten gehört werden. Beim Forumtheater nehmen wir nicht alle Seiten mit in den Blick. Die Zielrichtung beim Forumtheater ist nicht, zu verstehen, was in der Person, die gerade einen rassistischen Spruch gemacht hat, vorgeht. Was ihre Hintergründe, Motivationen und so weiter sind und diese dann zu verändern. Sondern wir versuchen, die Menschen in einer unterdrückten Position zu stärken oder uns selbst in der unterdrückten Position handlungsfähig zu machen.

Gerade im Schulkontext, wenn es um Konflikte zwischen Kindern geht, ist aber sehr wichtig, zu versuchen, alle Seiten zu verstehen. Also aus einer Opfer-Täter-Logik herauszukommen, die in der Schule oft vorherrscht. Dafür wiederum müssen wir uns fragen, was bringt dieses Kind zu diesem Verhalten, was sind die Bedürfnisse, die dahinterstecken und wie können wir diese Bedürfnisse ernst nehmen und verhindern, dass das Kind weiterhin Gewalt ausübt. Das ist eine andere Blickrichtung.
Es muss aber ja nicht immer Forumtheater sein. Es gibt viele andere Methoden aus dem Theater der Unterdrückten und der körperzentrierten Arbeit, die in der politischen Bildung einsetzbar sind.

Die Übung "Kolumbianische Hypnose" zum Beispiel eignet sich als niedrigschwelliger Einstieg zum Thema Macht. Bei dieser Übung führen sich die Teilnehmenden in Zweiergruppen gegenseitig durch den Raum, mit offenen Augen. Anschließend tauschen sie sich darüber aus, wer mehr Macht hatte, die Führende oder die, die geführt wurde. Das ist ein guter Einstieg, um über die Komplexität von Machtverhältnissen und über verschiedene Perspektiven auf Macht zu reflektieren.

Welche anderen Formen der körperzentrierten Arbeit würdest du für einen solchen Kontext empfehlen, in der Schule oder allgemein mit sehr gemischten Gruppen?

Ganz grundsätzlich gilt: Egal welches Thema du mit wem bearbeitest, das Reinspüren in den Körper, über das rein Kognitive hinaus, das ja die Grundlage körperzentrierter Arbeit ist, ist eigentlich immer möglich. Und auch, durch bestimmte Übungen Dinge mit dem Körper auszudrücken und dadurch unser Körperwissen einzubeziehen. Das ist zwar einfacher, wenn die Personen einen ähnlichen Erfahrungshorizont in Bezug auf ein bestimmtes Thema haben, weil es teilweise sehr sensibel und intim ist. Aber wenn es gut begleitet wird, ist das im Grunde in jeder Gruppe möglich.

Für die Arbeit in der Schule finde ich allerdings auch wichtig, zu bedenken, dass ein Workshop nach einem Tag vorbei ist und ich als Trainerin, die den Prozess begleitet und den Raum hält, danach wieder weg bin. Sowohl für Schüler*innen wie z.B. auch im Kollegium kann es schwierig sein kann, sich an einem Tag zu öffnen, sehr Persönliches zu zeigen und am nächsten Tag wieder im Klassenraum oder Lehrer*innenzimmer aufeinanderzutreffen.

Worauf sollten wir besonders achten, wenn wir Bildungsprozesse vom Körper her gestalten?

Das wichtigste Prinzip habe ich schon genannt, die Freiwilligkeit. Ich versuche in meiner Arbeit nie, Körperarbeit unerwartet oder irgendwie auf versteckte Art einzubringen. Es sollte immer von Vorneherein klar sein, dass – auch – mit dem Körper gearbeitet wird. Wenn in einem Workshop "Theaterarbeit" angekündigt ist, denken viele, sie müssten besondere schauspielerische Fähigkeiten mitbringen und fürchten sich ein bisschen. Beim Theater der Unterdrückten geht es aber nicht darum, etwas bühnenreif darzustellen, sondern unsere Realität zu erforschen. Das sollte ich deutlich machen.


Den Körper "entmechanisieren"

Allgemein kann die Hemmschwelle von Teilnehmenden bei körperzentrierten Methoden ja durchaus höher sein…

Ja, es gibt in unserer Gesellschaft eine gewisse Entfremdung vom eigenen Körper und für viele ist es sehr ungewohnt, im Bildungs- oder Arbeitskontext plötzlich ihre Aufmerksamkeit auf ihren Körper zu lenken und ihn bewusst einzusetzen. Deshalb ist es sehr wichtig, genügend Zeit einzuplanen, um durch kleine Übungen überhaupt erstmal wieder in Verbindung mit dem eigenen Körper zu kommen.

Augusto Boal hat das die "Entmechanisierung des Körpers" genannt. Bei vielen dieser Techniken geht es erst einmal darum, unseren Körper wieder anders zu nutzen, als wir es gewohnt sind. Das kann ganz spielerisch sein, z.B. ein Wettrennen auf dem Po oder eines, bei dem die langsamste Person gewinnt. Wir können Logiken, die in der Gesellschaft einfach so als Norm gesetzt werden, durch Bewegungsspiele hinterfragen. Dabei lässt sich feststellen, dass wir eine viel größere Bandbreite an Möglichkeiten mit unserem Körper haben, als nur auf einem Stuhl vor unserem Rechner zu sitzen oder mit unserem Handy in der Hand. Das allein ist schon sehr wertvoll und in vielen Kontexten nutzbar.

Viele Erwachsene spielen gar nicht mehr, jedenfalls nicht körperlich. Schon Teenager hören irgendwann auf zu spielen, weil es irgendwie uncool ist, etwas, was nur Kinder tun. Dabei kann Spielen sehr politisch sein. Es gibt beim Spielen so viele Parallelen zum Zusammenleben in der Gesellschaft: Du einigst dich auf bestimmte Regeln, damit das Spiel überhaupt funktioniert, du bringst dich ein, du musst Rücksicht aufeinander nehmen, gleichzeitig brauchst du genügend Freiraum für alle. Spielen ermöglicht uns, Dinge vom Körper ausgehend und in Bewegung zu reflektieren, die wir in einem klassischen Bildungssetting vielleicht nur sprechend und im Sitzen analysieren.

Denken vom Körper her – was bedeutet das in Bezug auf körperliche Einschränkungen und auf ableistische Strukturen, die es ja auch in der Bildungsarbeit gibt?

Das ist ein wichtiges Thema. Es gibt ja ganz unterschiedliche ableistische Hürden, zum Beispiel körperliche, kognitive, strukturelle. Ich selbst konnte als Nicht-Betroffene durch unterschiedliche Menschen in meinem Umfeld einiges erfahren, aber ich bin auch selbst noch auf dem Weg, ableistische Perspektiven zu erkennen, zu verlernen und in meiner Arbeit abzubauen.

Ich frage in der Regel ab, ob es bestimmte emotionale oder körperliche Bedarfe gibt. Im besten Falle weiß ich also vorher ungefähr, inwiefern ich Übungen anpassen muss, damit sie für alle gut funktionieren. Etwa wenn es blinde Teilnehmende gibt, oder wenn Taube Menschen[1] teilnehmen. Dann ist das Element Musik nicht so relevant und mein Gesicht und meine Lippen müssen für alle gut sichtbar sein, wenn ich spreche. Bei körperzentrierter Arbeit sind wir ja oft weit im Raum verteilt oder bewegen uns, während ich eine Anleitung gebe. Ich arbeite deshalb manchmal auch mit Dolmetscher*innen für Gebärdensprache.

Bei der Anleitung einer körperlichen Übung gebe ich grundsätzlich verschiedene Möglichkeiten. Es geht nicht darum, jede Variante, die gerade im Raum relevant sein könnte, zu nennen. Sondern, sichtbar zu machen, dass es nicht nur eine Form gibt, an der Übung teilzunehmen.

Manchmal müssen unterschiedliche Bedürfnisse in der Gruppe abgestimmt werden. Zum Beispiel, wenn besonders reizempfindliche Menschen teilnehmen und wenig oder keine Musik wollen, während andere Teilnehmende das Bedürfnis haben, sich richtig auszutanzen. Für neurodivergente Menschen kann es wichtig sein, auch mal aussteigen zu können, wenn es zu viel ist. Bei Prozessen mit Körperarbeit braucht es wiederum ein recht ausführliches Warm-up oder einen bestimmten Flow, um erstmal in die körperliche Arbeit reinzukommen. Wenn der zu oft unterbrochen wird, kann das für Leute, die das nicht gewohnt sind, wiederum auch herausfordernd sein. Das muss ich dann gut begleiten.

Die meisten dieser Punkte – Bedürfnisse im Blick haben, Rückzugsräume schaffen, eine sensible Sprache verwenden – gelten aber für alle Bildungsprozesse, egal wie sich die Gruppe zusammensetzt.

Siehst du hinsichtlich körperlicher Einschränkungen irgendwelche Grenzen?

Nein. Die Methoden des Theater der Unterdrückten sind für alle Menschen geeignet. Eine Schwierigkeit ist aber tatsächlich, dass Räume, die für Bewegungsaktivitäten wie Tanz oder Theater gedacht sind, oft nicht barrierefrei sind. Hinzu kommt, dass unsere Arbeit meist im Rahmen einer bestimmten Projektlogik stattfindet und zum Beispiel Zusagen für Fördermittel erst sehr kurzfristig kommen, so, dass wir erst spät nach Räumlichkeiten suchen können. Die wenigen barrierefreien Räume sind dann oft schon belegt. Da kann ich meinen Workshop noch so inklusiv planen – wenn Teilnehmende aufgrund physischer Barrieren nicht in den Raum hineinkommen, bringt das nichts.

Funktioniert Körperarbeit auch in digitalen Bildungsräumen?

Für viele ist die Herausforderung in digitalen spaces, dass ihnen der direkte Kontakt fehlt, dass es sich unpersönlicher anfühlt. Gerade bei der körperbasierten Arbeit ist es schon so, dass es eine andere Energie ist, wenn die Teilnehmenden in einem Raum sind. Das ist nicht so leicht zu ersetzen und oft funktioniert es besser, wenn Menschen sich bereits persönlich getroffen haben und dann in den Online-Space gehen. Manchmal bietet das Digitale aber auch Vorteile, gerade weil ich als Teilnehmende allein in einem Raum bin. Da kann ich bei einer Übung mit dem Körper zum Beispiel auch mal aus dem Kamerabereich herausgehen und die Übung dort machen. Bei manchen ist die Hemmschwelle, irgendetwas mit dem Körper zu machen, dann geringer.
Nicht alle Übungen sind digital einsetzbar, manchmal fehlt tatsächlich der direkte körperliche Kontakt. Aber es gibt erstaunlich viele Übungen, die sich sehr gut anpassen lassen.

Was rätst du Bildner*innen, die Elemente der Körperarbeit in ihrer Arbeit einsetzen möchten?

Die wichtigste Voraussetzung ist, dass ich mich selbst mit diesem Zugang über den Körper wohlfühle. Wenn ich körperzentrierte Ansätze nur deshalb integriere, weil ich oder mein Team es uns irgendwie vorgenommen haben, ich aber selbst nicht davon überzeugt bin, dann wird es nicht funktionieren. Dann kann ich viel besser andere Methoden einsetzen.
Wichtig ist außerdem, mir bewusst zu machen, dass es manchmal emotional sehr tiefgehend sein kann – vielleicht mehr, als die Teilnehmenden selbst erwartet haben. Dafür muss ich als Workshopleitung Verantwortung übernehmen. Manche denken, Körperarbeit bedeutet, Bewegungsspiele einzubauen, damit die Teilnehmenden nicht nur sitzen, bevor dann der „ernste“ Teil des Workshops kommt. Da kann es passieren, dass Bildner*innen überfordert davon sind, wie viel es auslösen kann, wenn wir vom Körper her arbeiten. Als begleitende Person muss ich das halten können. Ich muss mir bewusst sein, dass Körperarbeit mehr ist als nur Aufwärmen und dass es tiefer gehen kann, als wenn wir auf rein kognitiver Ebene über ein Thema diskutieren.

 

Das Gespräch führte Nana Heidhues

 

[1] "Taub" wird hier als Selbstbezeichnung großgeschrieben.

Theater der Unterdrückten und Somatic Social Justice

Das Theater der Unterdrückten ist ein politischer Theateransatz, der in den 1960er- und 1970er-Jahren vom brasilianischen Regisseur Augusto Boal  und seinen Kolleg*innen entwickelt wurde. Es entstand im Kontext sozialer Ungleichheit und politischer Repression in Brasilien und wurde stark von Paulo Freires „Pädagogik der Unterdrückten“ beeinflusst. Ziel ist es, Theater als Werkzeug zu nutzen, um Unterdrückung sichtbar zu machen und gemeinsam Handlungsalternativen zu erproben. Zuschauende werden zu aktiven Mitwirkenden („Spect-Actors“). Methoden wie Forumtheater, Statuentheater, Zeitungstheater, legislatives Theater und Unsichtbares Theater ermöglichen es Gruppen, soziale Konflikte darzustellen, zu reflektieren und neue Handlungsmöglichkeiten auszuprobieren. Heute wird der Ansatz weltweit in Bildungsarbeit, Aktivismus und sozialer Arbeit eingesetzt.

Der Ansatz Social Justice Somatics ist vor allem aus der Verbindung von sozialem Aktivismus/Community-Organizing, Körperarbeit (Somatics) und Trauma-Forschung entstanden. Ein zentraler Gedanke ist, gesellschaftlichen Wandel auch als verkörperten Lern- und Transformationsprozess zu verstehen, da politische Bildung allein oft nicht ausreiche, um tief verankerte Verhaltensmuster zu verändern. Social Justice Somatic wurde besonders durch Menschen und Organisationen geprägt, die in Schwarzen, feministischen und queeren Bewegungen und in der transformative Justice Bewegung verortet sind.

Zum Weiterlesen und Hören:

Boal, Augusto (2013): Übungen und Spiele für Schauspieler und Nicht-Schauspieler. Aktualisierte und erweiterte Ausgabe. Herausgegeben und aus dem brasilianischen Portugiesisch übersetzt von Till Baumann. Berlin: Suhrkamp.

Haines, Staci K. (2019): The Politics of Trauma. Somatics, Healing and Social Justice. Berkeley: North Atlantic Books.

Hemphill, Prentis (2024): What it Takes to Heal. How Transforming Ourselves Can Change the World. New York: Random House.

Podcast von Prentis Hemphill: Becoming the People

CC BY SA Lizenz

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