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Foto Baumwipfel Dülmen, Dernekamp
Material

Lernprozess begleiten

Kompetenzprofil für Fachkräfte der außerschulischen politischen Bildung

Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus der Publikation kompetent.politisch.bilden, die einen Orientierungsrahmen für die Qualifizierung von politischen Bildner*innen bietet. kompetent.politisch.bilden ist in zehn Kompetenzbereiche gegliedert, die hier einzeln vorgestellt werden.
Im Folgenden: Lernprozess begleiten.

Kompetenzbereich Lernprozess begleiten

Beschreibung

Einen Lernprozess zu begleiten bedeutet, einem Einzelnen oder einer Gruppe zu er möglichen, die Lernziele in einem transparenten und methodisch fundierten Rahmen zu erreichen. Gleichzeitig schließt dieser Prozess die sensible Begleitung individueller Lernbedürfnisse und persönlicher Zielsetzungen der Teilnehmenden mit ein. Da bei übernehmen Bildner*innen eine Rolle, die sich an einem kooperativen und bedürfnisorientierten Ansatz der Anleitung orientiert. Sie arbeiten kooperativ, prozessorientiert und mit einem besonderen Fokus auf Beteiligung und die Bedürfnisse der Gruppe. Sie dienen dem Lernen der Teilnehmenden, ermöglichen und unterstützen dies durch den gesetzten Rahmen und ihre Moderation. Das übergeordnete Ziel besteht darin, einer Gruppe und ihren einzelnen Mitgliedern die (Mit-)Verantwortung für den Lernprozess zu übergeben und den Lernerfolg zu ermöglichen. Politische Bildner*innen befähigen und motivieren die Teilnehmenden, sodass diese da durch selbstwirksam werden und eine aktive Rolle einnehmen können.

In der politischen Bildung basiert dieses Verständnis von Lernbegleitung auf den im Kapitel zur professionellen Haltung (→ Von der professionellen Haltung zur Handlung) beschriebenen Teilaspekten und Grundlagen. Politische Bildner*innen wechseln in der Praxis zwischen verschiedenen Rollen und haben mit ihrem Handeln und Auftreten eine Vorbildfunktion. Dabei erfolgt der Rollenwechsel transparent und bleibt so offen für Aushandlungsprozesse. Neben der Rolle als Lernbegleiter*in (engl. Facilitation) gehören dazu weitere Rollen wie beispielsweise:

  • Lernprozessbegleiter*in: Begleitet Gruppen durch Prozesse und unter stützt individuell und gruppenbezogen beim Lernen, mit Fokus auf Reflexion, Motivation und der Gestaltung lernförderlicher Bedingungen sowie dabei, selbstständig zu tragfähigen Lösungen und Erkenntnissen zu gelangen.
  • Moderator*in: Strukturiert Gespräche und Diskurse, sorgt für Beteiligung und einen respektvollen Austausch in Gruppenprozessen.
  • Instrukteur*in: Vermittelt gezielt In halte oder Fertigkeiten in strukturierter Form; steht für eine eher lehrzentrierte Rolle im Lernprozess.
  • Animateur*in: Regt spielerisch, kreativ oder emotional zur Beteiligung, Bewegung oder Auseinandersetzung an und kann Motivation und Gruppendynamik fördern.
  • Expert*in: Bringt Fachwissen in den Prozess ein, gibt Orientierung und Hintergrundinformationen, ohne den Lernprozess dominieren zu müssen.

Eine professionelle Lernbegleitung in der politischen Bildung bedeutet nicht, sich auf eine dieser Rollen zu beschränken, sondern situativ und bedarfsgerecht zwischen ihnen zu wechseln – stets in bewusster Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung, den Gruppendynamiken und dem Bildungsauftrag.

Für politische Bildner*innen ist es essenziell, die eigene Rolle pädagogisch begründet zu definieren und auszufüllen. Die Herausforderung besteht darin, eine Balance zwischen äußeren Erwartungen und Anforderungen sowie den eigenen Ansprüchen herzustellen. Dazu gehört auch, Lernprozesse zu verstehen, einzuordnen und die eigene Einschätzung regelmäßig zu aktualisieren.

Teilkompetenzen

Teilkompetenzen

Demokratisierung des Lernprozesses

Zur Kompetenz der Lernbegleitung gehört die Demokratisierung des Lernprozesses. Dies meint die Fähigkeit, unterschiedliche Wege zur Demokratisierung zu kennen und in die Gestaltung von Programmen und Bildungsprozessen zu integrieren. Bspw. können Fachkräfte den Lernenden Möglichkeiten zur Mitbestimmung von Inhalten, Settings, Methoden und Regeln eröffnen. Diese werden von (fehlenden) demokratischen Erfahrungen und Bedürfnissen der Lernenden mitbestimmt.

Förderung von Selbstwirksamkeit und Ko-Kreation

Die Förderung von Selbstwirksamkeit und Ko-Kreation meint die Fähigkeit, selbstgesteuertes Lernen zu ermöglichen sowie Raum für angeleitete Reflexion zu schaffen. Die kooperative Zusammenarbeit in diversen Gruppen planerisch zu ermöglichen und praktisch umzusetzen, ist ein zentraler Bestandteil der Anleitung von Lernprozessen. Die Kompetenz beinhaltet zudem das Bewusstsein gegenüber der so genannten Scheinbeteiligungsfalle und deren Vermeidung. Ziel ist es, Lernende zur Selbst- und Mitbestimmung und Kritikfähigkeit zu befähigen, Handlungsspielräume zu eröffnen und kollektive sowie individuelle Veränderung zu ermöglichen.

Physische Lernraumgestaltung

Physische Lernraumgestaltung ist die Kompetenz, ein Bewusstsein für die Wirkung physischer Lernräume zu entwickeln und diese gezielt inklusiv und lernfördernd zu gestalten. Auch gehört dazu die Fähigkeit, kreative Wege zu finden, um die Umgebung zu nutzen, sodass sie aktiv die Lernprozessbegleitung mit allen Ansprüchen und Zielen unterstützt.

Zielgruppenorientierung

Die zielgruppenorientierte Ausrichtung umfasst die Fähigkeit, sich auf die jeweiligen Zusammensetzungen, Lebensrealitäten und Bedürfnisse der Gruppe einzulassen. Dies beinhaltet, eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen, Über- und Unterforderung gezielt zu vermeiden sowie eine Vielfalt an Methoden und Ausdrucksformen – verbal, nonverbal, schriftlich, kreativ oder künstlerisch – einzusetzen. Ebenso wichtig ist es, unterschiedliche Lern- und Denkstile (divergent, assoziativ, kognitiv oder konvergent) zu berücksichtigen. Die konkrete Umsetzung wird im Kapitel → Methodenkompetenz beschrieben.

Flexibilität

Flexibilität ist in Bezug auf den Lernprozess und dessen Struktur von signifikanter Relevanz. Sie beinhaltet die Fähigkeit, den Teilnehmenden gegenüber Aufgeschlossenheit zu demonstrieren und während des Prozesses auftretende Bedürfnisse graduell in die Lernprozessgestaltung zu integrieren.

Transparente Haltung

Transparente Haltung zeichnet sich als Fähigkeit dadurch aus, dass Bildner*innen sich ihrer Werte, Erfahrungen und Positionierungen bewusst sind. Sie reflektieren ihre Perspektiven und bringen diese – wo hilfreich – transparent in den Lernprozess ein. Sie arbeiten auf Basis demokratischer, menschenrechtsbasierter Grundhaltungen und gestalten Bildungsprozesse bewusst parteilich im Sinne einer emanzipatorischen Praxis.

Kontroversenmoderation

Die Kontroversenmoderation schafft im Rahmen der Haltung der politischen Bildung Raum für Widerspruch und Mehrdeutigkeit. Zentrale gesellschaftliche Konflikte werden sichtbar gemacht und diskutiert. Es geht um die Auseinandersetzung mit divergierenden Interessen, Perspektiven und gesellschaftlichen Zukunftsmodellen. Eine Kontroversen-kompetente Lernbegleitung bearbeitet Differenzen, ermöglicht eine produktive Reibung und zeigt dabei eine klare Haltung gegenüber Verschwörungsmythen, demokratiefeindlichen und menschenrechtsverletzenden Aussagen. Demokratische und wissenschaftliche Perspektiven – insbesondere jene von Gruppen, die in der Gesellschaft wenig Sichtbarkeit erfahren – sollten in Lernsettings themenbezogen aktiv eingebunden werden, vor allem dann, wenn sie im Bildungsangebot nicht oder nur unzureichend repräsentiert sind.

Machtkritische Moderation

Die machtkritische Moderation gehört zu den zentralen Anforderungen in der politischen Bildung. Sie meint die Fähigkeit von Bildner*innen, ungleiche gesellschaftliche und situative Machtverhältnisse wie etwa Redebeitragsverhalten, Durchsetzungsverhalten und unsichtbare Normen im Seminarraum zu erkennen und mit Ausschlüssen, Marginalisierungen oder Dominanzen sensibel umzugehen. Dies bezieht sich sowohl auf die Verhältnisse der Teilnehmenden untereinander als auch zwischen der Moderation und der Gruppe. Mit einer machtkritischen Moderation wird die Gruppe befähigt, Dominanzstrukturen aufzulösen und Machtgefälle selbst zu adressieren und in (Aus-)Handlung zu Verschiebungen zu kommen. Die Sprache, der Veranstaltungsort, die räumliche Gestaltung, der Zeitrahmen und die Materialien spielen dabei eine Rolle.

Krisenbewusstsein

Das Krisenbewusstsein zeigt sich in der Fähigkeit einer sensiblen Wahrnehmung und Begleitung individueller wie gesellschaftlicher Krisen. Dazu zählen persönliche emotionale Prozesse, unerwartete Störungen im Seminarablauf oder die Thematisierung gesellschaftlicher Umbrüche. Bildner*innen reagieren angemessen und situativ auf solche Herausforderungen.

Beziehungskompetenz

Beziehungskompetenz meint die Fähigkeit von Bildner*innen, eine Atmosphäre von Anerkennung, Sicherheit und Offenheit zu schaffen. Die Kompetenz ist grundlegend, da gelingendes Lernen auf zwischen menschlicher Beziehung und gegenseitigem Vertrauen basiert. Hierzu zählt auch der Aufbau einer fehlerfreundlichen Lernkultur, die es ermöglicht, neue Gedanken angstfrei zu äußern, Irritationen zuzulassen und in produktive Lernprozesse zu überführen.

Neugier und Leidenschaft

Neugier und Leidenschaft für das Lernen meint die Fähigkeit, Teilnehmende nicht nur kognitiv, sondern auch emotional und motivierend zur aktiven Mitgestaltung zu ermutigen – auch dann, wenn diese Form des Lernens für sie Neuland bedeutet. Um Begeisterung zu wecken, braucht es mehr als methodische Versiertheit: Politische Bildner*innen bringen ihre eigene Leidenschaft für gesellschaftliche Fragestellungen und emanzipatorische Prozesse in den Lernraum ein und agieren als authentische Vorbilder. Die Kompetenz, Neugier und Leidenschaft für das Lernen weiterzugeben, befähigt dazu, gemeinsam mit den Teilnehmer*innen zu erkunden, zu erforschen und zu beobachten.

Praxisbeispiele

Stiftung Wannseeforum: Auf dem Weg zu einem inklusiven Lernort
Die Stiftung Wannseeforum hat im Rahmen des AdB-Projekts SPREAD eine Medienpraktische Fortbildung zur Sensibilisierung Mitarbeitender im Kontext von Ableismus (OER) entwickelt, in der sowohl Aspekte wie die physische Lernraumgestaltung und die zielgruppenorientierte Ausrichtung wie auch Förderung von Selbstwirksamkeit und Ko-Kreation und die Demokratisierung von Lernprozessen zum Tragen kommen.

Kompetenzprofil Überblick

Der vorgestellte Kompetenzbereich ist Teil des Kompetenzprofils für Fachkräfte der politischen Bildung. 

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