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Foto Berdorf (Luxemburg), Werschrummschloeff
Material

Von der professionellen Haltung zur Handlung

Kompetenzprofil für Fachkräfte der außerschulischen politischen Bildung

Der vorliegende Beitrag ist ein Auszug aus der Publikation kompetent.politisch.bilden, die einen Orientierungsrahmen für die Qualifizierung von politischen Bildner*innen bietet. kompetent.politisch.bilden ist in zehn Kompetenzbereiche gegliedert, die hier einzeln vorgestellt werden.
Im Folgenden: Von der professionellen Haltung zur Handlung.

Von der professionellen Haltung zur Handlung

Beschreibung

Politische Bildung lässt sich nicht darauf reduzieren, Wissen über politische Strukturen, Entscheidungen oder Ereignisse zu vermitteln. Ihre Aufgabe ist es, anknüpfend an die Potenziale, Interessen und Bedarfe, Erfahrungen und Lebenswelten der Teilnehmenden, die Zusammenhänge zwischen der eigenen Lebenssituation der Teilnehmenden und den gesellschaftlichen Bedingungen deutlich zu machen und aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, sich selbst politisch zu Wort zu melden und sich gesellschaftspolitisch aktiv einzumischen.

Der Gegenstand politischer Bildung ist also „das Politische“, womit eben nicht nur staatliches Handeln gemeint ist, also nicht nur „die Politik“, sondern die Art und Weise, wie Menschen gesellschaftlich miteinander verbunden sind und gemeinsam ihre öffentlichen Angelegenheiten aushandeln und regeln. Eine so verstandene politische Bildung ist nicht neutral. Sie ist an Demokratie sowie an den Grund und Menschenrechten ausgerichtet. Zur professionellen Haltung eines*einer politischen Bildner*in gehört es, die politische Bildungsarbeit an den damit verbundenen Werten wie Menschenwürde, Gleichheit, Gerechtigkeit, Freiheit, Rechtsstaatlichkeit, Solidarität, Vielfalt auszurichten und diese Werte in das eigene professionelle Handeln zu überführen.

Haltung ist jedoch nicht statisch. Sie ist ein dynamisches Geflecht, das durch Reflexion, Erfahrung und Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Prozessen kontinuierlich weiterentwickelt wird. Eine professionelle Haltung zeichnet sich demnach durch kontinuierliches Lernen, die Bereitschaft zur Selbstreflexion und den offenen Austausch mit anderen Perspektiven aus. Fachkräfte in der politischen Bildung sollten sich ihrer Werte und Prägungen bewusst sein, aber zugleich offen für kritische Selbstreflexion bleiben. Nur so kann Haltung als Orientierung für die eigene Bildungsarbeit dienen.

Zur Weiterentwicklung der Haltung ist eine kontinuierliche Selbstreflexion erforderlich. Fachkräfte der politischen Bildung reflektieren systematisch gesellschaftliche Machtstrukturen und hinterfragen ihre eigenen Privilegien. Die kritische Auseinandersetzung mit Machtdimensionen auf individueller, institutioneller und struktureller Ebene (wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Queerfeindlichkeit, Ableismus, Klassismus, Adultismus) eröffnet Lernpotenziale, die das Bewusstsein für die Komplexität sozialer Ungleichheit schärfen. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit den eigenen Werten und Einstellungen ermöglicht es ihnen, ihre Wahrnehmung zu erweitern und mehrdimensional zu denken. Dabei ist zu bedenken, dass eine reflektierte Haltung nicht automatisch vor diskriminierenden Denkmustern schützt, sondern kontinuierlich geübt und weiterentwickelt werden muss.

Teilkompetenzen

Teilkompetenzen

Wertgebundenheit

Eine reflektierte Haltung setzt eine bewusste Auseinandersetzung mit den eigenen Werten voraus. Werte geben Orientierung, während die Haltung die Werte im pädagogischen Alltag sichtbar und wirksam macht – in der praktischen Bildungsarbeit, in der Gestaltung des Settings, der Auswahl der Methoden, der Art der Kommunikation bis hin zur eigenen Rolle in Teams. Fachkräfte in der politischen Bildung begleiten Lernprozesse, geben Impulse und schaffen Strukturen, die zur selbstständigen Reflexion und Diskussion anregen.

Menschenrechtsorientierung

Menschenrechtsorientierung in der politischen Bildung bedeutet, dass die Menschenrechte mehr sind als ein moralischer Bezugspunkt, vielmehr muss die politische Bildung selbst menschenrechtlich ausgestaltet sein. Das bedeutet, dass sich die konkrete Bildungspraxis aus den Werten und Annahmen der Menschenrechte ableitet und so gestaltet ist, dass Menschen rechte aller Teilnehmenden geachtet werden und die Lernumgebung möglichst inklusiv, partizipativ, diskriminierungskritisch und machtkritisch gestaltet ist. Dabei ist es hilfreich, wenn sich auch die Bildner*innen als Lernende verstehen und selbstkritisch eigene Erfahrungen, eigene Vorurteile oder den eigenen Sprachgebrauch reflektieren.

Demokratieverständnis

Der politischen Bildung liegt ein weiter Demokratiebegriff zugrunde, der Demokratie als Regierungs-, Gesellschafts- und Lebensform versteht (nach John Dewey). Mit allen drei Ebenen sind demokratische Werte wie Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit, Pluralismus und Solidarität verbunden.

  • Als Regierungsform: Demokratie basiert auf Rechtsstaatlichkeit, Gewaltenteilung, freien und fairen Wahlen und politischer Mitbestimmung. Die Vermittlung von Kenntnissen über demokratische Normen, Institutionen, Prozesse und Akteur*innen sowie die Förderung des Verständnisses für demokratische Entscheidungsmechanismen sind dabei von entscheidender Bedeutung.
  • In ihrer Funktion als Gesellschaftsform impliziert Demokratie eine vielfältige, inklusive und solidarische Gesellschaft, in der Gleichberechtigung, soziale Gerechtigkeit und Menschenrechte geachtet werden. Die Fachkräfte der politischen Bildung unterstützen die Entwicklung einer demokratischen Streitkultur und befähigen Menschen, gesellschaftliche Konflikte konstruktiv auszutragen.
  • Als Lebensform manifestiert sich Demokratie im alltäglichen Miteinander durch Inklusion, Toleranz, Respekt und die Bereitschaft zum Dialog. Fachkräfte der politischen Bildung ermutigen dazu, demokratische Werte im eigenen Handeln zu leben und Verantwortung für das Gemeinwesen zu übernehmen.

In der politischen Bildungsarbeit sollten sich demokratische Werte in den Inhalten, dem Setting und den Methoden wiederfinden, um Demokratie erfahrbar zu machen und um die Partizipation, kritisches Denken und Meinungsvielfalt zu fördern. So können Teilnehmende zur aktiven Mitgestaltung demokratischer Prozesse ermutigt und befähigt werden, unterschiedliche Perspektiven wertzuschätzen sowie gesellschaftliche Konflikte konstruktiv auszutragen. Damit verbunden ist auch, als Bildner*in eine eindeutige Haltung gegen menschenfeindliche Einstellungen, Ideologien, Extremismus und antidemokratische Bestrebungen zu zeigen. Dafür ist es hilfreich, wenn Fachkräfte die Merkmale und Ideologien demokratiefeindlicher Strömungen und rechtsextremer Bewegungen kennen. In der Umsetzung heißt das, Wert auf eine respektvolle Diskussionskultur und den Schutz der Meinungsfreiheit innerhalb demokratischer Grenzen zu legen. Fachkräfte sind sich der Herausforderungen bewusst, die mit der Vermittlung demokratischer Werte in heterogenen gesellschaftlichen Kontexten verbunden sind, bleiben sensibel gegenüber gesellschaftlichen Entwicklungen und entwickeln Strategien, um mit Widerständen und Spannungsfeldern professionell umzugehen.

Diskriminierungskritik

Diskriminierungskritik beschäftigt sich mit den strukturellen, historischen und gesellschaftlichen Mechanismen von Ungleichheit und zielt darauf ab, Machtverhältnisse zu reflektieren, Privilegien sichtbar zu machen und diskriminierende Strukturen aktiv zu hinterfragen. Sie unterstützt Fachkräfte dabei, Mechanismen von Ungleichheit einzuordnen und in ihrem professionellen Handeln zu berücksichtigen. Eine diskriminierungskritische Haltung er weitert das professionelle Handlungsrepertoire von Fachkräften, indem sie diese befähigt, Zugänge und Teilhabe für unterschiedliche Gruppen zu erleichtern und Bildungsangebote barrierearm und inklusiv zu gestalten. Dazu sollten Fachkräfte der politischen Bildung mit den grundlegenden Mechanismen von Diskriminierung vertraut sein, einschließlich struktureller, institutioneller und individueller Diskriminierung. Dazu gehören Kenntnisse über historische und aktuelle Formen von Diskriminierung sowie deren Auswirkungen auf individuelle und gesellschaftliche Ebenen. So können diese in planerische, methodische und inhaltliche Kompetenzen zur Schaffung demokratischer und inklusiver Lernumgebungen umgesetzt werden. Die bewusste Auswahl stereotypensensibler, leicht verständlicher Bildungsmaterialien sowie der reflektierte Einsatz einer diskriminierungskritischen und zielgruppenbezogenen, inklusiven Sprache tragen dazu bei, allen Teilnehmenden eine differenzierte Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Machtverhältnissen zu ermöglichen. Die professionelle Haltung zeigt sich in der Fähigkeit zur klaren Positionierung, im kompetenten Umgang mit Konflikten sowie darin, Grenzen gegenüber diskriminierenden Äußerungen oder Strukturen zu setzen. Sie wird beispielsweise konkret durch das Gestalten sicherer Lernräume (Safer Spaces), den Abbau von Partizipationsbarrieren, das Teilen von Macht (Power Sharing) und das gezielte Empowerment marginalisierter Gruppen. Ebenso gehört dazu die Fähigkeit, Diskriminierungserfahrungen von Teilnehmenden sensibel und professionell anzuerkennen und darauf angemessen zu reagieren.

Zugewandtheit

Zugewandtheit geht mit der Grundüberzeugung einher, dass Menschen lernfähig, lernwillig und mündig sind. Sie beinhaltet die Fähigkeit, empathisch auf Menschen zuzugehen und ihre Perspektive einzubeziehen und drückt sich zum Beispiel in wertschätzender Kommunikation, aktivem Zuhören und Offenheit für vielfältige Standpunkte aus. In den Lernräumen fühlen sich alle Beteiligten ernst genommen und respektiert, und der dialogische Austausch wird gefördert – auch über kontroverse Themen.

Wissensorientierung

Wissensorientierung bedeutet, in der Lage zu sein, sich neues Wissen anzueignen und kritisch zu hinterfragen. Fachkräfte sollten politische und gesellschaftliche Kontroversen verstehen und einordnen können sowie das Nebeneinander von Widersprüchen im demokratischen System und innerhalb der Grundwerte aushalten können (→ Ambiguitätstoleranz). Politische Informiertheit und ein konstruktiver Umgang mit Nichtwissen (→ Kompetenzlosigkeitskompetenz) sind ebenso wichtig wie die Fähigkeit, Wissen in verschiedenen Dimensionen zu begreifen. Dazu gehört auch Fachwissen, also die Kompetenz zur Wissensaneignung (→ Lernen zu Lernen), und analytische Fähigkeiten.

Wissenschaftsorientierung

Wissenschaftsorientierung geht über die reine Aneignung von Wissen hinaus und bezieht sich auf eine methodische Herangehensweise, die auf wissenschaftlichen Prinzipien basiert. Sie ist besonders relevant im Umgang mit der zunehmenden Verbreitung von Fake News und Verschwörungserzählungen. Es ist essenziell, dass Fachkräfte dazu befähigt sind, Desinformation zu identifizieren, ihre Verbreitung zu verstehen und effektive Strategien zur Bekämpfung von Desinformation zu nutzen oder selbst zu entwickeln. Wissenschaftsorientierung umfasst die Fähigkeit, Informationen kritisch zu hinterfragen, Daten korrekt zu bewerten und die Quellen von Informationen zu analysieren. Sie befähigt Fachkräfte dazu, nicht nur Wissen zu konsumieren, sondern auch gezielt zu recherchieren, sichere, verlässliche Quellen auszuwählen und auf fundierte, valide Daten zurückzugreifen. Wissenschaftsorientierung beinhaltet zudem ein Verständnis für wissenschaftliche Arbeitsweisen, wie etwa die Anwendung von Forschungsergebnissen und die Interpretationen von Daten. Die Entwicklung dieser Kompetenzen befähigt Fachkräfte dazu, komplexe gesellschaftliche und politische Fragestellungen systematisch zu analysieren, fundierte Urteile auf der Grundlage solider Informationsquellen zu fällen und Bildungsprozesse evidenzbasiert zu gestalten.

Zukunftsorientierung

Zukunftsorientierung meint, dass politische Bildung im Kern transformatorisch ist, da sie stets auf die Zukunft von Gesellschaft ausgerichtet ist und deutlich machen will, dass Politik und Gesellschaft gestaltbar sind. Zukunftsorientierung bedeutet in diesem Kontext, gesellschaftliche Entwicklungen zu analysieren und eine langfristige, verantwortungsvolle Vision für eine demokratische und gerechte Gesellschaft zu entwickeln. Dabei lässt sich die vorausschauende Gestaltung von Zukunftsszenarien systemisch, also entlang unterschiedlicher miteinander verknüpfter Ebenen vollziehen. Diese umfassen beispielsweise folgende Dimensionen:

  • Lokal und global: Politische Bildungsarbeit berücksichtigt sowohl lokale Herausforderungen als auch globale Zusammenhänge und deren Wechselwirkungen.
  • Gesellschaftlich und politisch: Zukunftsorientierung umfasst sowohl soziale Fragen – etwa in Bezug auf Teilhabe und Gerechtigkeit – als auch politische Prozesse und Institutionen, die langfristig demokratische Werte sichern.
  • Individuell und systemisch: Fachkräfte reflektieren ihre eigene Verantwortung und ihre Werte, während sie gleichzeitig strukturelle Bedingungen und gesellschaftliche Machtverhältnisse in den Blick nehmen.
Kompetenzprofil Überblick

Der vorgestellte Kompetenzbereich ist Teil des Kompetenzprofils für Fachkräfte der politischen Bildung. 

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