
Bingo against stereotypes
Prägungen und Vorurteile spielerisch hinterfragen
Diese spielerische Methode hilft den Teilnehmenden, über Stereotype nachzudenken und ihre eigenen Wahrnehmungen kritisch zu hinterfragen. Sie bietet Möglichkeiten für interkulturellen Dialog und Reflexion über unterschiedliche und übereinstimmende Erfahrungen. Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange
Zeit
30-45 Min.
Zielgruppe
ab 12 Jahren
Gruppengröße
2-30, auch große Gruppen mit 100 und mehr TN möglich
Material
Stifte, Papier DIN A4, Flipchart-Papier
Überblick
Diese spielerische Methode hilft den Teilnehmenden, über Stereotype nachzudenken und ihre eigenen Wahrnehmungen am Beispiel von Mädchen- und Frauenrollen zu hinterfragen. Durch die Bingo-Aktivität erkennen die Teilnehmenden, wie leicht sie Annahmen über marginalisierte Gruppen treffen und dass diese Annahmen einer kritischen Betrachtung oft nicht standhalten.
Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“. Sie ist jedoch auch auf andere Kontexte anwendbar. Im türkisch-deutschen Austauschkontext bietet die Methode Möglichkeiten für interkulturellen Dialog und Reflexion über unterschiedliche und übereinstimmende Erfahrungen, aber auch zu Erfahrungen mit und Strategien der Jugendbeteiligung.
* Note: Descriptions in English and Turkish are available in the downloads section*
Lernziele
Die Teilnehmenden werden angeregt,
- über eigene Stereotypen zu reflektieren
- Mechanismen und Strukturen zu analysieren, die hinter sozialer Kategorisierung stehen
- gängige Annahmen über marginalisierte Gruppen zu identifizieren und zu hinterfragen
- sich der Vielfalt persönlicher Interessen, Vorlieben und Alltagsverhalten bewusst zu werden
Vorurteile und Stereotypisierung sind soziale Dynamiken, die alle Gesellschaften betreffen, darunter auch Deutschland und die Türkei. Diese Methode bietet einen konstruktiven und leicht zugänglichen Einstieg, um solche Themen im binationalen Jugendaustausch zu diskutieren. Sie ermöglicht es den Teilnehmenden, Gemeinsamkeiten und Unterschiede in gesellschaftlichen Vorurteilen zu erkennen und fördert gleichzeitig Empathie und gegenseitiges Verständnis.
Lerninhalte
- Stereotype und Vorurteile: verstehen, wie Stereotype entstehen, die Wahrnehmung beeinflussen und zu Vorurteilen führen können
- Soziale Kategorisierung: Reflexion darüber, wie wir Menschen gruppieren und wie dies unsere Sicht auf andere prägt
- Normen und Machtstrukturen: erforschen, wie gesellschaftliche Normen und vorherrschende Ideen Ungleichheiten verstärken
- Empathie und Perspektivübernahme: die Vielfalt innerhalb von Gruppen erkennen und Menschen jenseits von Etiketten sehen
- Kritische Reflexion: Annahmen hinterfragen und Selbstbewusstsein in interkulturellen Situationen üben
- Demokratische und inklusive Einstellungen: Förderung von Respekt, Gleichheit und Offenheit im türkisch-deutschen Jugendaustausch
Durchführung und Hinweise
Ablauf
Vorbereitung (10-15 Min.)
Die Workshopleitung schreibt eine Liste mit Aktivitäten auf ein Flipchart (Beispiele s.u.). Diese Liste wird der Gruppe zunächst nicht gezeigt.
Einführung & Einzelarbeit (5-10 Min.)
Die Teilnehmenden zeichnen auf einem Blatt Papier ein 3x3-Raster als Bingo-Tabelle.
Sie erhalten nun die Aufgabe, jedes Feld mit einer Aktivität auszufüllen, von der sie glauben, dass Frauen und Mädchen sie gerne ausüben. Die Workshopleitung kündigt an, dass später die „richtigen” Antworten vorgelesen werden und dass die Teilnehmenden übereinstimmende Antworten mit einem Kreuz markieren können. Wer drei Kreuze in einer Reihe hat, ruft „Bingo!”.
Spielrunde (10 Min.)
Die Workshopleitung liest die vorbereitete Liste vor. Die Teilnehmenden markieren alle übereinstimmenden Felder. Dies wird so lange fortgesetzt, bis jemand „Bingo!” ruft oder nach etwa 5 Minuten.
Beispiel-Liste (optional):
Radfahren, Essen gehen, Reisen, Tanzen, Lesen, Wandern, Filme schauen, Bier trinken, auf Bäume klettern, Entspannen, Fußball spielen, Fußball schauen, Lachen, Auto fahren, Grillen, Häuser bauen, Freunde treffen, Ausschlafen, Maschinen konstruieren, Segeln, Unternehmen leiten, Software entwickeln, Websites gestalten, Witze machen, Musik hören, Ratschläge geben, Fast Food essen, Singen, ein Musikinstrument spielen.
Reflexion & Auswertung
Reflexion (15-30 Minuten oder länger, je nach Gruppengröße)
Reflexionsfragen
- War es einfach, ein Bingo zu erzielen? Warum, warum nicht?
- Wer entscheidet, was die „richtigen” Antworten sind?
(Die Trainer*innen können z.B. offenlegen, dass alle Aktivitäten auf dem Flipchart von Frauen oder Mädchen stammen, die sie persönlich kennen.)
- Kennt ihr Frauen oder Mädchen, die die auf dem Flipchart aufgeführten Aktivitäten mögen, die aber nicht auf eurer Bingokarte stehen?
- Was wäre, wenn wir die Zielgruppe ändern würden – was würdet ihr für Schwarze, LGBTQ+-Personen, ältere Menschen usw. schreiben?
- Welche Annahmen könntet ihr über andere Gruppen haben? Woher kommen diese?
- Warum konzentrieren wir uns oft auf das, was eine bestimmte Gruppe von uns oder unserer Gruppe unterscheidet?
- Was sagen diese Muster über Normen und Strukturen in unseren Gesellschaften aus?
Variationen
- Der thematische Fokus des Bingo-Spiels kann angepasst werden (z. B. , „Was mögen Jungs und Männer?“, „Was mögen ältere Menschen?“,“Was mögen Menschen vom Land?“ ).
- Die Dauer der Übung und Tiefe der Reflexion kann je nach Gruppengröße, Alter und verfügbarer Zeit angepasst werden (von einer kurzen 30-minütigen Sitzung bis zu einem 90-minütigen Workshop).
- Die Methode eignet sich auch gut für den Einsatz in Schulen, Jugendzentren oder interkulturellen Seminaren.
Hinweise für die Moderation
- Die Erfahrung hat gezeigt, dass die Methode eine leicht zugängliche und dennoch wirkungsvolle Möglichkeit ist, das Bewusstsein dafür zu schärfen, wie Stereotype entstehen und wie sie unsere Wahrnehmung prägen. Sie hilft den Teilnehmenden zu erkennen, dass soziale Gruppen niemals homogen sind und dass es in jeder Gemeinschaft Vielfalt gibt.
- Eine sorgfältige Moderation und Sensibilität für sprachliche und kulturelle Nuancen sind unerlässlich, um eine sichere und respektvolle Lernatmosphäre zu schaffen. Gerade bei internationalen Austauschprogrammen ist besonders auf eine inklusive Sprache und kulturell sensible Beispiele zu achten.
- Die Methode kann sehr aufschlussreich sein, die Moderation muss jedoch darauf achten, dass nicht unbeabsichtigt Stereotypen verstärkt werden, anstatt sie in Frage zu stellen. Um dies zu vermeiden, lassen Sie die Teilnehmenden ihre Bingokarten nicht vor der gesamten Gruppe vorlesen. Die Ergebnisse sollten gegebenenfalls nur in kleineren Gruppen geteilt werden.
- Es ist Aufgabe der Workshopleitung, eine ehrliche und offene Diskussion zu fördern. Der Fokus sollte klar darauf gerichtet sein, Lernerfahrungen zu ermöglichen und nicht darauf, durch das Erkennen von eigenen Leerstellen oder bisher nicht reflektierten Vorannahmen, bei den Teilnehmenden Schuldgefühle zu erzeugen.
- Aufgrund der Konzeption der Methode gibt es oft nur wenige oder gar keine tatsächlichen Bingos, was zu leichter Frustration führen kann. Nutzen Sie diesen Moment, um zu erörtern, warum die Teilnehmenden andere Ergebnisse erwartet haben – und wie dies mit sozialer Kategorisierung zusammenhängt.
- Nach dem Spiel sollte unbedingt ausreichend Zeit für Reflexion und Diskussion eingeplant werden, da dort das eigentliche Lernen stattfindet. Alle Teilnehmenden sollten zu Wort kommen können.
- Bei einer großen Gruppe kann die Auswertung auch in kleineren Gruppen oder mithilfe eines Online-Tools (z.B. Slido) erfolgen.
Konzeptioneller Hintergrund
Diese Methode ist von der Anti-Bias-Pädagogik und der kritischen Pädagogik inspiriert. Sie stützt sich auf partizipative, reflektierende Ansätze in der non-formalen Bildung, um kritisches Denken über Stereotypen, Identität und soziale Normen zu fördern.
Weiterführende Übungen
„Privilege Walk“ (Privilegien-Spaziergang): Ungleichheit und soziale Position verstehen. Adaptierbare Beispiele hierfür bei Brot für die Welt, oder bei der Uni Freiburg.
„Identity circles“ (Identitätskreise): Reflexion über Zugehörigkeit und Vielfalt. Ein adaptierbares Beispiel aus dem Internationalen Begegnungskontext hierfür bei EPALE.
Projekt Navigating Democratic Challenges

Diese Methode wurde ursprünglich von Fachleuten in der Antidiskriminierungsarbeit mit Jugendlichen entwickelt und für den binationalen Jugendaustausch angepasst von Kerem Atasever, Jugendbildungsstätte Kaubstraße.
Die Methodenbeschreibung ist im Rahmen des Projekts „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“ entstanden, einer Zusammenarbeit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke (DTJB), dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) und der Toy Gençlik Derneği (TOY). Sie ist Teil des im Projekt entwickelten Methodenkompendiums.
Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Europäischen Union im Rahmen von ERASMUS+ gefördert. Die darin geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor*innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Europäischen Union oder von JUGEND für Europa wider. Weder die Europäische Union noch die fördernde Stelle können dafür verantwortlich gemacht werden.
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