
City of Angels
Eine Mikrosimulation macht soziale Normen und Inklusion erfahrbar
Die Methode bietet einen partizipativen Einstieg in Diskussionen über Inklusion und Demokratie. Mithilfe einer Mikrosimulation erkunden die Teilnehmenden, wie Inklusion, soziale Normen und Entscheidungsfindung unser tägliches Leben beeinflussen. Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“.
Zeit
60-90 Min.
Zielgruppe
ab 12 Jahren
Gruppengröße
mind. 15 Personen
Material
A4-Blätter, Stifte, Flipchart, Boardmarker, vorbereitete Rollenkarten
Überblick
Dieser Workshop lädt die Teilnehmenden dazu ein, in die Rolle von Gestalter*innen zu schlüpfen und zu erkunden, wie Inklusion, soziale Normen und Entscheidungsfindung das tägliche Leben beeinflussen. In Mikrosimulation einer neu gegründeten „City of Angels”übernehmen junge Menschen verschiedene Rollen und untersuchen, wie systemische Barrieren Einzelpersonen ausschließen – insbesondere Menschen mit Behinderungen oder aus marginalisierten Gruppen. Sie entwickeln Regeln, weisen Rollen zu, debattieren, stimmen ab und reflektieren schließlich über Fairness, Zugang und Bürger*innenbeteiligung.
Die Methode bietet einen unkomplizierten, partizipativen Einstieg in Diskussionen über Inklusion und Demokratie. Sie wurde im Rahmen einer deutsch-türkischen Begegnung entwickelt, ist jedoch auch auf andere Kontexte anwendbar. Sie zielt darauf ab, Inklusion durch Handeln zu schaffen, fördert interkulturellen Dialog und zeigt auf, wie unterschiedliche Erfahrungen von Teilhabe und Ausgrenzung sowohl in Deutschland als auch in der Türkei (oder anderswo) entstehen. Die Mikrosimulation ermöglicht den Teilnehmenden, ihre eigenen Ideen und Erfahrungen in einen gemeinsamen Raum einzubringen, in dem sie über ihr Verständnis von „Gemeinwohl“ verhandeln.
Lernziele
Die Teilnehmenden werden darin unterstützt, …
- über Inklusion und Exklusion nachzudenken, und darüber, wie Regeln, Normen oder Systeme bestimmte Personen oder Gruppen unbeabsichtigt benachteiligen können
- systemische Barrieren zu erkennen, die Menschen mit Behinderungen, Migrant*innen und andere Menschen in marginalisierten sozialen Positionen betreffen
- Machtverhältnisse kritisch zu analysieren und zu verstehen, wie Entscheidungsprozesse Gerechtigkeit und Teilhabe in einer Gemeinschaft beeinflussen
- ihre Kommunikations- und Kooperationsfähigkeiten zu stärken, während sie in Gruppendiskussionen gemeinsame Werte und Prioritäten aushandeln
- Reflexion mit realen Kontexten zu verknüpfen, indem Erfahrungen aus der Simulation mit sozialer Teilhabe und Inklusion in ihren eigenen Gemeinschaften verglichen werden
- ein interkulturelles Bewusstsein zu entwickeln
Lerninhalte
- Inklusion & Exklusion: Identifizierung systemischer Barrieren und Verständnis dafür, wie diese eine vollständige Teilhabe verhindern
- Soziale Normen und Regeln: Untersuchen, wie Regeln entstehen, wer sie schafft und wer davon betroffen ist
- Macht, Stimme und Handlungsfähigkeit: Reflexion darüber, wer bei Entscheidungen mitreden kann und wer ungehört bleibt
- Demokratische Teilhabe und kollektive Verantwortung: Üben von Entscheidungsfindung, Debatte, Änderungsanträgen und Abstimmungen in einem simulierten zivilgesellschaftlichen Raum
- Interkultureller Dialog (Schwerpunkt Deutsch-Türkisch): Vergleichen, wie Inklusion, Teilhabe und Zugang in Deutschland und der Türkei behandelt werden, um gegenseitiges Verständnis und gemeinsames Lernen zu fördern
Durchführung und Hinweise
Ablauf Phase 1-5
Phase 1 – Einführung & Aufwärmen (15 Min.)
Die Teilnehmenden versammeln sich im Kreis. Die Workshopleitung kündigt die Gründung der „City of Angels” an.
Zum Aufwärmen wird ein kurzes „Brainstorming -Spiel” gespielt:
Fragen:
- Was macht eine Stadt gerecht?
- Wer macht normalerweise die Regeln?
- Wer könnte vergessen werden?
- Habt ihr jemals an Entscheidungsprozessen in eurer Stadt – oder in einem anderen Kontext teilgenommen?
Phase 2 – Regeln finden (25 Min.)
Es werden (drei) Kleingruppen gebildet. Jede Kleingruppe diskutiert und entwickelt jeweils drei spezifische Regeln anhand der folgenden Fragen:
Gruppe 1:
- Wie bewegen sich die Menschen in der Stadt fort?
- Wie werden öffentliche Bekanntmachungen gemacht?
- Was gibt es für Traditionen/Sitten (kulturelle, soziale…) und welche werden gefördert?
Gruppe 2:
- Wie kommunizieren die Menschen miteinander (z.B. Wie begrüßen sie sich?)
- Welche Gebäude und Räume sind wichtig?
- Wie werden Entscheidungen getroffen?
Gruppe 3:
Die Gruppe entwickelt ein Morgenlied (4-5 Zeilen), das täglich gesungen wird, legt eine Kleiderordnung fest und entscheidet, ob Smartphones erlaubt sind oder nicht.
Nach 10 Minuten Arbeit in den Kleingruppen versammeln sich alle im Plenum. Die Beiträge aus den Kleingruppen werden gesammelt und als „Die neun Verfassungsvorschläge” visualisiert. Zusätzlich werden im Plenum noch drei weitere Verfassungsvorschläge vorgeschlagen. Anschließend werden die Teilnehmenden in eine kurze Pause geschickt.
Phase 3 – Pause & Rollenverteilung (10 Min.)
Während der Pause weist die Workshopleitung 4-6 Teilnehmenden mithilfe der Rollenkarten eine neue Rolle zu, z. B.:
- Rollstuhlfahrer*in
- Blinde*r Lehrer*in
- Migrant*in, spricht eine nicht von der Mehrheit gesprochene Sprache
- Gehörlose*r Jugendliche*r
- Ältere*r Migrant*in
- Alleinerziehende Person
- Arbeitslose*r Jugendliche*r
Jede Rollenkarte enthält eine Hintergrundgeschichte (z. B. „Du bist auf einen Rollstuhl angewiesen, aber überall gibt es Treppen “) und eine Reflexion: „Welche Regel erschwert dir hier das Leben?“.
Phase 4 – Abschließende Diskussion und Interessensvertretung (20 Min.)
Die Teilnehmenden versammeln sich wieder in ihren Kleingruppen, um die Verfassung fertigzustellen. Die Teilnehmenden mit einer Rollenkarte bringen in den Kleingruppen ihre Bedenken vor. Sie orientieren sich dabei an folgenden Fragen:
- Welche Regeln sind für dich unzugänglich oder unfair?
- Können Regeln überarbeitet werden?
Anschließend tragen die Kleingruppen die Endversion ihrer Verfassungsvorschläge zurück ins Plenum. Die Workshopleitung achtet in dieser Phase auf aktives Zuhören und nimmt Änderungen an der Verfassung direkt auf. Diese werden visualisiert.
Phase 5 – Abstimmung (5 Min.)
Die Teilnehmenden stimmen nun per Daumenzeichen über die endgültige Verfassung ab: Daumen hoch / Daumen runter. Zusätzlich sind Vorschläge (per Handzeichen) zur weiteren Abstimmung möglich.
Reflexion & Auswertung
Variante 1
Phase 6 – Reflexion und Nachbesprechung (25 Min.)
Die Reflexion und Nachbesprechung im Plenum orientieren sich an folgenden Fragen:
- Seid ihr mit der nun entwickelten Verfassung zufrieden?
- Was haben die Bürger*innen mit besonderen Herausforderungen (Rollenkarten) erlebt?
- Welche Annahmen über andere sind euch im Prozess der Entscheidungsfindung aufgefallen?
- Wurden Regeln aufgestellt, ohne an andere zu denken?
- Inwiefern lässt sich diese Übung auf eure Stadt oder das Land, in dem ihr lebt, übertragen?
Fragen zur vertieften Reflexion – Kurzversion:
- Wer definiert „normal“?
- Was macht eine Kommune wie die „City of Angels“ inklusiv?
- Welche Rolle spielen Macht und Tradition bei der Ausgrenzung?
Variante 2:
Schritt 1 – Individuelle Reflexion (5 Min.)
Die Teilnehmenden erhalten ein kurzes Reflexionsblatt oder Haftnotizen.
Mögliche Fragen für die Reflexion:
- Welche Regel oder Situation hat mich am meisten überrascht?
- Wie habe ich mich in meiner Rolle gefühlt? Welche Herausforderungen sind mir aufgefallen?
- Welche Annahmen hatte ich vor dem Rollenspiel über andere?
Schritt 2 – Austausch in Paaren oder kleinen Gruppen (5 Min.)
Die Teilnehmenden tauschen sich zu zweit oder in kleinen Gruppen aus.
Mögliche Fragen für den Austausch:
- Welche gemeinsamen Herausforderungen haben wir in den verschiedenen Rollen festgestellt?
- Wo haben wir Ungerechtigkeit oder Ausgrenzung erlebt?
- Haben wir Privilegien in unseren eigenen Lebenserfahrungen erkannt?
Schritt 3 – Nachbesprechung mit der gesamten Gruppe (10 Min.)
Die Plenumsdiskussion kann an folgenden Leitfragen orientiert sein:
- Wer definiert, was in unseren Gesellschaften als normal gilt?
- Welche Regeln in unserer Stadt könnten verbessert werden, um die Inklusion zu erhöhen?
- Wie unterscheiden sich die Erfahrungen mit Ausgrenzung in Deutschland und der Türkei?
- Welche Maßnahmen können wir in unseren eigenen Gemeinschaften ergreifen, um Fairness und Teilhabe zu fördern?
Ermutigen Sie die Teilnehmenden, die Erfahrungen aus der Simulation mit realen sozialen Strukturen, Entscheidungsprozessen und Inklusionsbemühungen in Verbindung zu bringen.
Optional können die Teilnehmenden eine kleine Maßnahme vorschlagen, die sie in ihrem Alltag oder in Jugendprojekten ergreifen können, um Inklusion zu unterstützen.
Ziel der Abschlussreflexion ist es, bei den Teilnehmenden Empathie und die Bereitschaft, verschiedene Perspektiven einzunehmen, zu fördern. Systemische Ungleichheiten sollen sichtbar werden, so dass die Teilnehmenden ihnen eine persönliche Bedeutung zukommen lassen können. Die Teilnehmenden sollen zum kritischen Denken über soziale Normen, Privilegien und Teilhabe angeregt werden und konkrete Handlungsmöglichkeiten im realen Leben identifizieren.
Hinweise zur Moderation
Tipps für die Moderation zum Umgang mit unerwarteten oder „unerwünschten” Antworten:
Es ist sinnvoll, die Teilnehmenden nicht sofort zu korrigieren, sondern sie erst einmal ihre Regeln frei aufstellen zu lassen. In der Nachbesprechung (Phase 6) kann die Moderation dann auf die betreffende Regel hinweisen und die Teilnehmenden fragen: „Funktioniert diese Regel für alle?” sowie sie ermutigen, die Regel kritisch zu überarbeiten und gegebenenfalls gemeinsam neu zu gestalten.
Verwandte Konzepte und methodische Ansätze
Diese Methode fußt auf Konzepten der Jugendarbeit, des interkulturellen Lernens und der inklusionsorientierten Bildung. Sie lässt sich besonders gut mit simulationsbasierten oder partizipativen Ansätzen der non-formalen Bildung verwenden.
Non-formale Bildung für Inklusion – Betont Vielfalt, Zugang und sinnvolle Teilnahme an Jugendaustauschen und hebt die Bedeutung gerechter Lernräume hervor.
Simulations- und Rollenspielansätze zur Erforschung von Macht und Identität, wie sie in interkulturellen Toolkits beschrieben werden (z. B. „Simulationsübungen” als Methode zur Spiegelung realer Lebensbedingungen).
https://beyondbarriers.org/wp-content/uploads/2022/03/Toolkit-Walk-On-WORKING-2_compressed.pdf
Ressourcen von SALTO-Youth zu Vielfalt und Inklusion im Jugendaustausch (Broschüre „Embracing Diversity and Inclusion“), die den Schwerpunkt auf die Arbeit mit vielfältigen Gruppen, die Auseinandersetzung mit Inklusion und die Förderung von konstruktivem Teambuilding und Teamarbeit legen.
Das ENTER!- Programm des Europarates zu interkulturellem Lernen, Jugendbeteiligung und Zugang zu sozialen Rechten beinhaltet Methoden, in denen sich junge Menschen mit ihren Rechten und mit Möglichkeiten der Teilhabe in der Gesellschaft auseinandersetzen.
Die hier genannten methodischen Rahmenwerke und Toolkits können von Bildner*innen, die die City of Angels- Methode anwenden möchten, unterstützend hinzugezogen werden. Sie bieten theoretische Grundlagen, praktische Tipps für Inklusion und Simulationsarbeit sowie Ideen für die Anpassung der Methode an verschiedene Jugendaustauschkontexte.
Projekt Navigating Democratic Challenges

Diese Methodenbeschreibung ist im Rahmen des Projekts „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“ entstanden, einer Zusammenarbeit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke (DTJB), dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) und der Toy Gençlik Derneği (TOY).
Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Europäischen Union im Rahmen von ERASMUS+ gefördert. Die darin geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor*innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Europäischen Union oder von JUGEND für Europa wider. Weder die Europäische Union noch die fördernde Stelle können dafür verantwortlich gemacht werden.


