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Material

From Steps to Voice – Die Partizipationsleiter

Beteiligung an Entscheidungsprozessen untersuchen und verbessern

Die Partizipationsleiter befähigt junge Menschen, über die Qualität ihrer Beteiligung an Entscheidungsprozessen nachzudenken und diese zu verbessern. Durch persönliches Storytelling, Fallanalysen und Gruppendiskussionen untersuchen die Teilnehmenden Hindernisse und Förderfaktoren der Partizipation unter Verwendung von Rahmenwerken wie Arnsteins und Harts Leitern. Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange

Zum Download3 Dateien | Lizenz: CC BY SA

Autor*innen

Çağlar Yenilmez und Jan Schierkolk in Zusammenarbeit mit Ezgi Gedik und Kerem Sezerer / Toy Youth Association

Zeit

120 Min.

Gruppengröße

8-30 Personen

Material

Stifte, Papier, Klemmbrett, Tisch, Bastelmaterialien (buntes Papier, Schnur, Schere, Klebstoff/Klebeband etc.). Handouts (Annex): Harts Beteiligungsmodell & Handout Fälle

Überblick

Die Partizipationsleiter befähigt junge Menschen, über die Qualität ihrer Beteiligung an Entscheidungsprozessen nachzudenken und diese zu verbessern. Durch persönliches Storytelling, Fallanalysen und Gruppendiskussionen untersuchen die Teilnehmenden Hindernisse und Förderfaktoren der Partizipation unter Verwendung von Rahmenwerken wie Arnsteins und Harts Leitern. Durch die Kombination von Theorie und Aktionsplanung fördert die Methode die politische Bildung, das kritische Denken und die Handlungsfähigkeit. Ihr kreativer, reflektierender und inklusiver Ansatz fördert Eigenverantwortung, Gleichberechtigung und Empowerment. Im internationalen Austausch ermöglicht sie einen interkulturellen Vergleich von Partizipationspraktiken und unterstützt das gemeinsame Lernen über Demokratie und Jugendengagement. Die Methode wurde im Rahmen einer deutsch-türkischen Begegnung entwickelt, ist jedoch auch auf andere Kontexte anwendbar.
 

* Note: Descriptions in English and Turkish are available in the downloads section*

Lernziele

Verständnis der Partizipationsleiter

  • Teilnehmende erkennen die verschiedenen Stufen der Partizipation
  • Können Situationen kritisch bewerten und einordnen

Analyse sozialer Strukturen

  • Hindernisse für Jugendbeteiligung erkennen und hinterfragen
  • Förderung von Selbstbestimmung und Handlungsfähigkeit
  • Gilt für demokratische und herausgeforderte politische Kontexte

Kreative Partizipationsgeschichten

  • Eigene Erfahrungen aktiv erzählen und austauschen
  • Stärkung von Selbstreflexion und kollektivem Verständnis
  • Nutzung kreativer Medien als Werkzeug

Kritischer Dialog & Machtanalyse

  • Persönliche Geschichten mit Fallstudien und Partizipationsleiter verknüpfen
  • Hinterfragen bestehender Machtverhältnisse in der Jugendbeteiligung

Entwicklung von Handlungsstrategien

  • Gemeinsames Verständnis der Stärken und Grenzen verschiedener Partizipationsebenen
  • Ableitung von Aktionsplänen für verbessertes Engagement im eigenen Kontext

Lerninhalte

Die Methode hat drei Schwerpunkte:

  1. Kennenlernen theoretischer Konzepte von Partizipation und Co-Governance und deren Einordnung in den Kontext von Demokratie als Regierungsform, Gesellschaft und Leben
  2. Entwicklung praktischer Szenarien für die Anwendung der theoretischen Rahmenbedingungen als Analyseinstrumente für den praktischen Gebrauch, aber auch zur Analyse und Reflexion über Machtverhältnisse in bestimmten Situationen/Szenarien
  3. Maßnahmen ergreifen und konkrete Schritte entwickeln

Durchführung & Hinweise

Ablauf

1.         Einführung in die Sitzung und persönliche Reflexion über Partizipation (45 Minuten)

Jede*r Teilnehmer*in soll die „Beteiligungsgeschichte” einer der anderen Teilnehmenden auf einem A4 Blatt Papier festhalten. Um diese „Beteiligungsgeschichte” zu erfahren, wenden die Jugendlichen die Technik des „aktiven Zuhörens” an. Die Gruppe wird in Zweiergruppen aufgeteilt. 3-5 Minuten lang hören sich die Teilnehmenden gegenseitig ihre Geschichten an und halten diese auf einem Blatt Papier fest, als kurzer Text, Zeichnung, Collage oder einer Kombination aus allem. Hierzu stehen ihnen verschiedene Materialien zur Verfügung.

Folgende Leitfragen können den Jugendlichen helfen, ihre „Beteiligungsgeschichte” zu erfragen und zu erzählen:

  • Wenn du an all deine Erfahrungen in deiner Jugend zurückdenkst: Wo und wann hab es Momente und Möglichkeiten der Beteiligung in deiner Familie, Schule, Nachbarschaft, Organisation oder mit Behörden/Institutionen?
    Das können ganz verschiedene Bereiche für Beteiligung sein, von Entscheidungsprozessen hinsichtlich Familienurlauben oder Mahlzeiten bis hin zu Beteiligungsmechanismen in Vereinen oder Schulen, in deiner Nachbarschaft oder Gemeinde.
     
  • Wie hast du dich als junger Mensch an welchen Entscheidungen/Entscheidungsprozessen beteiligt?
     
  • Hast du dich jemals in einer Nichtregierungsorganisation engagiert und wie waren die Abläufe dort?
     
  • Wie und wann bist du auf Hindernisse im Zusammenhang mit deiner Beteiligung gestoßen?
    Auch hier gibt es ganz verschiedene Beispiele – vom Wunsch nach einem neuen Kursangebot im Jugendzentrum in der Nachbarschaft bis hin zum Recht auf eine Unterkunft für Studierende.

Die A4-Poster werden für alle gut sichtbar gesammelt oder aufgehängt. Sie können später noch verwendet werden. Je nach Zeit kann es in dieser Phase eine mehr oder weniger detaillierte Diskussion über die Geschichten/Beispiele der Teilnehmenden geben. Dies ermöglicht, die persönliche Beteiligungsgeschichten zu vertiefen und zugleich die Grundlage für den theoretischen Rahmen zu schaffen.
 

Reflexion im Plenum (15 min.)

Frage: Wo seht ihr Gemeinsamkeiten, wo seht ihr Unterschiede?

Die Ergebnisse der Diskussion werden am Flipchart visualisiert. Die Moderation legt hierbei einen besonderen Fokus auf Akteur*innen und Settings für Beteiligung, wie auch darauf, welche Werte im Zusammenhang mit Beteiligung genannt werden.

Beim Herausarbeiten der Werte können die Moderierenden auf die zugrundeliegenden theoretischen Konzepte Arnsteins, auf Paulo Freires pädagogische Konzepte sowie auf deren Umsetzung im Rahmen der Europäischen Charta zur Beteiligung junger Menschen am lokalen und regionalen Leben kursorisch eingehen (siehe Materialzusatz).

Zentrale Werte können sein:

i.  Empowerment

  • Arnsteins Leiter der Partizipation macht deutlich, dass es bei Partizipation im Grunde genommen um Macht geht – um den Übergang von Manipulation und Alibipolitik hin zu Bürgerkontrolle. Empowerment ist ein zentraler Wert. Die Metapher der Leiter bezieht sich ausdrücklich auf Empowerment durch strukturellen Wandel
  • Freires Pädagogik der Unterdrückten betont Dialog und Bewusstseinsbildung – den Prozess der Entwicklung eines kritischen Bewusstseins für die eigene soziale Realität durch Reflexion und Handeln.

ii. Gerechtigkeit und Inklusion

  • Die Europäische Charta zur Beteiligung junger Menschen unterstreicht die inklusive Beteiligung als demokratisches Recht und zielt darauf ab, junge Menschen in Entscheidungsprozesse einzubeziehen, die ihr Leben betreffen.
  • Harts Leiter der Kinderbeteiligung betont die Bedeutung einer echten Beteiligung gegenüber einer symbolischen Einbeziehung und wertschätzt die Handlungsfähigkeit selbst der jüngsten Teilnehmenden.

iii. Handlungsfähigkeit und Active Citizenship/Aktive Bürger*innenschaft

  • Beteiligung wird als Übung zu aktiver Bürger*innenschaft verstanden, bei der Einzelpersonen – insbesondere Jugendliche – sich von passiven Adressat*innen zu Mitgestalter*innen ihrer sozialen Welt entwickeln.

Akteur*innen von Beteiligung können sein:

  • Jugendliche/Kinder/Bürger*innen
  • Staatliche/lokale Behörden
  • Zivilgesellschaft/NGOs/Institutionen
  • Pädagog*innen/Bildner*innen/Jugendarbeiter*innen


Zusätzlich kann in einer weiteren 15-minütigen Diskussion erörtert werden, wie diese Akteur*innen sich in der Praxis selbst beteiligen und Beteiligung fördern können:
1. Stärkung durch Kapazitätsaufbau, sichere Räume für Meinungsäußerung und gemeinsame Entscheidungsfindung schaffen
2. Beteiligungsstrukturen schaffen und Macht umverteilen, statt Akteur*innen nur „zu konsultieren”.
3. Beteiligungsakteur*innen haben eine Brückenfunktion – sie verbinden Bürger*innen mit Behörden/offiziellen Institutionen und setzen sich für marginalisierte Gruppen ein. Hierfür braucht es inklusive, partizipative Räume des Lernens und der Meinungsäußerung.
4. Beteiligungsakteur*innen können sich als kritische Vermittler*innen positionieren – nicht als Autoritäten, sondern als Mitlernende und Verbündete.
 

2.         Einführung in das theoretische Konzept: Roger Harts Partizipationsleiter und ihre Stufen (30 Min.) (s. Annex Partizipationsleiter_Info)


3.         Rollenspiel/Sketch: Die Teilnehmenden werden in möglichst vielfältige Kleingruppen eingeteilt (Vielfalt = mindestens eine gute Mischung aus TR und DE sowie unterschiedlichen Geschlechtern) (Kleingruppenzeit ca. 60 Minuten).

Jede Gruppe erhält ein Blatt Papier mit einer Fallbeschreibung (Annex 2 Fälle) (alternativ können persönlichen Geschichten verwendet werden) (1 Minute)

Die Jugendlichen lesen und diskutieren die Fälle in der Kleingruppe. Sie bereiten eine beliebige Form der Präsentation fürs Plenum vor (Theaterstück, Demonstration, Lied, Gedicht, Graffiti, Cartoon etc.) (25 Minuten)

Die Gruppen präsentieren abwechselnd ihre Ergebnisse, Theaterstücke usw. im Plenum  (5 Min. pro Gruppe, ca. 20-40 Minuten)

Die Fälle werden diskutiert und die Zuschauenden versuchen zu erraten und zu beschreiben, wo auf der Partizipationsleiter sie die gerade vorgestellte Situation oder Herangehensweise einordnen würden und ob sie für ihre persönlichen Geschichten relevant sind. Hierbei darf durchaus kontrovers diskutiert werden (30 Minuten).

4.         Nachbesprechung (20 Minuten)

5.         Entwicklung eines Aktionsplans für Beteiligung (30 Minuten):

Zur Entwicklung eines Aktionsplans für die Stärkung und Gestaltung von Beteiligung innerhalb einer Organisation/Gemeinschaft/Gemeinde können die folgenden W-Fragen hilfreich sein.

Sie werden in Kleingruppen oder individueller Arbeit beantwortet (2 Min.)

Was

  • Welches konkrete Problem oder welche Teilnahmebarriere möchtet ihr angehen?
  • Welche Veränderungen möchtet ihr in eurer Gemeinde, Schule oder Organisation sehen?
  • Welche Methoden/Instrumente könnt ihr einsetzen, um die Beteiligung junger Menschen zu verbessern?

Warum

  • Warum ist dieses Thema für euch oder eure Altersgenoss*innen wichtig?
  • Warum glaubt ihr, dass eine Veränderung möglich und notwendig ist?

Wer

  • Wer ist von diesem Problem betroffen?
  • Wer sind die wichtigsten Akteur*innen, die diese Veränderungen unterstützen können (z. B. Gleichaltrige, Lehrkräfte, Jugendarbeiter*innen, Kommunalpolitiker*innen)?
  • Mit wem könntet ihr zusammenarbeiten oder wen könntet ihr mobilisieren?

Wo

  • Wo tritt das Problem auf? (z. B. Schule, Nachbarschaft, Jugendzentrum, online)
  • Wo könnte eure Maßnahme die größte Wirkung erzielen?

Wann

  • Wann sollte die Maßnahme beginnen?
  • Wann bieten sich gute Gelegenheiten, Einfluss zu nehmen? (z. B. bevorstehende Jugendratssitzung, Veranstaltung, Treffen)

Wie

  • Wie könnt ihr Schritt für Schritt mit der Umsetzung von Veränderungen beginnen?
  • Wie erhaltet ihr Unterstützung oder Ressourcen?
  • Wie messt ihr, ob ihr Fortschritte erzielt?

    Beispiel für einen Aktionsplan: „Wir möchten die Stimme der Jugendlichen in unserem Schulrat stärken, indem wir einen von Gleichaltrigen geleiteten Workshop mit 30 Jugendlichen organisieren. Wir werden uns diesen Monat an die Schülerkoordinatorin wenden und eine Sitzung unter Verwendung der Partizipationsleiter als Werkzeug gestalten. Wir werden die Veranstaltung bewerten, indem wir nach der Veranstaltung Feedback von unseren Klassenkamerad*innen einholen.“
Varianten der Methode

Die Methode selbst ist sehr flexibel, auch hinsichtlich der Gruppengröße und des Zeitplans, und die Details lassen sich je nach Bedarf leicht ändern (siehe oben).

Ein offensichtlicher Faktor, der in einem internationalen Umfeld wie diesem zu berücksichtigen ist, ist die Sprache. Es müsste entweder eine ausreichende Englischkenntnis aller Teilnehmenden und/oder eine Übersetzung sichergestellt werden. Dies könnte entweder simultan erfolgen, möglicherweise durch engagierte Fachleute und mit entsprechender Ausrüstung, wenn die finanziellen Mittel dies zulassen, indem die Teilnehmenden entsprechend ihren Sprachkenntnissen platziert oder in Gruppen eingeteilt werden und einigen bei Bedarf eine „Flüsterübersetzung“ angeboten wird, oder durch konsekutives Dolmetschen. Dies kann die einzige Möglichkeit sein, wenn das Budget keine anderen Optionen zulässt und ein großer Teil der Teilnehmenden nicht über ausreichende Kenntnisse in einer gemeinsamen Sprache verfügt. Jede Übersetzung, insbesondere wenn sie konsekutiv erfolgt, muss jedoch zeitlich berücksichtigt werden. Dies bedeutet höchstwahrscheinlich, dass bestimmte Teile/Erwartungen gekürzt werden müssen und/oder die Gesamtdauer (einschließlich Pausen!) verlängert werden muss.

In jedem internationalen oder interkulturellen Umfeld, insbesondere im deutsch-türkischen Fall, muss besonders darauf geachtet werden, dass interkultureller Respekt und die Wertschätzung von Vielfalt gewährleistet sind, gerade wenn die Teilnehmenden noch nicht viel Erfahrung in solchen Umgebungen haben. Insgesamt sollte die Planung immer flexibel und reaktiv sein; außerdem sollte man stets darauf achten, nicht versehentlich unnötige Unterschiede zu schaffen oder zu betonen, indem man dies vorab zu einem sichtbaren Thema macht.

Um verschiedene Lösungen für dieselben Sprossen zu sehen, können eine Geschichte ausgewählt und die Teilnehmenden gebeten werden, das beschriebene Problem zu lösen. Lösen/Lösung bedeutet hier, dass die Teilnehmenden versuchen, den Fall zu verbessern, indem sie etwas tun, das dann ein Beispiel für höhere Sprossen auf der Leiter wie 7 oder 8 ist.

 

Erweiterungspaket: Intersektionalität

Die Teilhabeleiter – ursprünglich entwickelt, um Machtdynamiken in der Stadtplanung und Jugendbeteiligung zu verstehen – kann und sollte an unterschiedliche, intersektionale Kontexte angepasst werden. Dazu gehören unter anderem:

  • Geschlecht und LGBTQIA+-Partizipation
  • Migranten/Flüchtlinge und transnationale Jugendliche
  • Jugendliche mit Behinderungen
  • Sozioökonomische Ausgrenzung
  • Minderheiten und indigene Gemeinschaften
  • Jugendliche in Konflikt-/Postkonfliktgebieten

In jedem dieser Kontexte bietet die Leiter eine wertvolle Perspektive, um kritisch zu beurteilen, ob die Teilhabe inklusiv, zugänglich und befähigend ist – und wie unterschiedliche Identitäten dieselbe Sprosse der Leiter auf ungleiche Weise erleben können. Beispielsweise kann eine queere Jugendgruppe an der Entscheidungsfindung in einem Jugendzentrum beteiligt sein, aber dennoch mit Hindernissen in Bezug auf Sicherheit, Repräsentation oder Legitimität in kommunalen Räumen konfrontiert sein.

Die Methode sollte die Teilnehmenden daher dazu ermutigen:

  • kritisch über intersektionale Barrieren in ihren eigenen Beteiligungsgeschichte nachzudenken
  • zu diskutieren, wie sich die „Stufenposition“ je nach Identität unterscheiden kann, selbst innerhalb desselben Szenarios
  • zu untersuchen, wie Beteiligungsstrukturen gestaltet sein müssen, um wirklich alle Stimmen einzubeziehen.
Auswertung & Reflexion

Ziel der Reflexion

  • Eigene Beteiligungserfahrungen und Gefühle verstehen
  • Hindernisse und Erfolgsfaktoren für Partizipation identifizieren
  • Verbindung zwischen persönlichen Erfahrungen und gesellschaftlicher Partizipation herstellen
  • Interkulturelle Unterschiede und Gemeinsamkeiten reflektieren
  • Handlungsoptionen für inklusivere Beteiligung entwickeln

Phase 1: Individuelle Reflexion – Micro-Ebene

Dauer: 10–15 Min
Format: Einzelarbeit / Notizen
Methode: Schreib- oder Reflexionsblatt

Fragen:

  • Wie habt ihr euch beim Erstellen eurer eigenen Beteiligungsgeschichte gefühlt?
  • Was fällt euch an allen Geschichten gemeinsam auf? Gibt es Themen oder Erfahrungen, die sich wiederholen?
  • In welchen Momenten hattet ihr das Gefühl, dass wirklich Beteiligung stattgefunden hat?
  • Welche Träume oder Ziele möchtet ihr durch Beteiligung erreichen, und in welchen Situationen könntet ihr euch dafür voll einsetzen?
  • Wie nützlich findet ihr das Konzept der Partizipationsleiter für eure eigene Situation?

Ziel:

  • Eigene Gefühle, Erfahrungen und Gedanken strukturieren
  • Vorbereitung für den Austausch in Kleingruppen

 

Phase 2: Kleingruppenarbeit – Meso-Ebene

Dauer: 20–25 Min
Format: Gruppen à 3–5 Teilnehmende
Methode: Kartenabfrage / Brainstorming / Pinnwand

Aufgaben:

  • Erfahrungen über Momente erfolgreicher Beteiligung austauschen
  • Hindernisse der Beteiligung benennen und Gemeinsamkeiten erkennen
  • Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen persönlichen Herausforderungen und größeren gesellschaftlichen Herausforderungen diskutieren
  • Austausch über Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Erfahrungen aus Deutschland und der Türkei

Leitfragen:

  • Welche Hindernisse standen eurer Beteiligung im Weg? Gibt es gemeinsame Faktoren, die diese Hindernisse verbinden?
  • War es einfach, Situationen anhand der Partizipationsleiter zu kategorisieren?
  • Wart ihr in irgendeiner Situation mit der Mehrheitsmeinung nicht einverstanden?
  • Habt ihr Fälle bemerkt, in denen die Identität der Teilnehmenden den Beteiligungsgrad beeinflusst hat?

Ziel:

  • Interkultureller Austausch
  • Gemeinsames Verständnis von Erfolgsfaktoren und Hindernissen entwickeln
  • Reflexion über die praktische Anwendbarkeit der Partizipationsleiter

 

Phase 3: Plenum – Macro-Ebene / gesellschaftspolitische Reflexion

Dauer: 25–30 Min
Format: Fishbowl / offene Diskussion / kurze Statements

Methode:

  • Fishbowl: Eine Gruppe diskutiert, andere hören zu und wechseln anschließend
  • Offene Diskussion über gesellschaftliche Relevanz und Handlungsoptionen
  • Moderator*in notiert zentrale Punkte für alle sichtbar

Leitfragen:

  • Seht ihr mehr Unterschiede oder mehr Gemeinsamkeiten zwischen kleinen Herausforderungen der persönlichen Beteiligung und größeren gesellschaftlichen Herausforderungen?
  • Wer könnte möglicherweise vollständig vom Beteiligungsprozess ausgeschlossen sein?
  • Wie können Beteiligungsmodelle angepasst werden, um marginalisierte oder unterrepräsentierte Jugendliche besser einzubeziehen?
  • Welche Art von Unterstützungssystemen oder Veränderungen sind nötig, damit Beteiligung nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch gleichberechtigt ist?
  • Wo liegen die Grenzen des Modells der Partizipationsleiter?
  • Gibt es Vorschläge, wie Inhalte oder Methoden für die Zukunft anders präsentiert werden könnten?

Ziel:

  • Verbindung zwischen individueller Erfahrung, schulischer Praxis und gesellschaftlicher Partizipation
  • Konkrete Ideen für inklusivere Beteiligung sichtbar machen
  • Interkulturelle Perspektiven stärken

 

Phase 4: Abschluss – Transfer / Handlungsideen

Dauer: 5–10 Min
Format: Tandemgespräch + Plenum

Methode:

  • Tandem: Jede*r teilt eine wichtigste Erkenntnis oder konkrete Handlungsidee
  • Plenum: Moderator*in fasst zentrale Punkte zusammen und fragt:
    • „Welche Schritte kann ich persönlich unternehmen, um Beteiligung in meiner Schule oder Jugendgruppe zu fördern?“
    • „Welche Ideen wollen wir gemeinsam weiterverfolgen?“

Ziel:

  • Nachhaltigkeit sichern
  • Handlungsmöglichkeiten für individuelle und kollektive Partizipation entwickeln
Hinweise für die Moderation

Diese Methode ist Teil des Kompendiums „Navigating Democratic Challenges“. Sie wurde auf der Grundlage eines türkisch-deutschen Austauschs von Praktiker*innen entwickelt. Die Autoren haben im Laufe der Jahre nur gute und positive Erfahrungen mit dieser Methode und verschiedenen Varianten gemacht. Besonders gefällt uns, wie sehr sie junge Menschen dazu bringt, sich aktiv zu engagieren, kreativ Geschichten auszutauschen und Unterschiede (und in der Regel viel mehr Gemeinsamkeiten) zu entdecken und zu diskutieren. Auch inhaltlich und im Hinblick auf die Stärkung der Eigenverantwortung halten wir die Übung für sehr relevant und nützlich, um Jugendlichen zu ermöglichen, Situationen mit geringer partizipativer Qualität selbst zu erkennen, möglicherweise zu vermeiden und im Idealfall zu beheben – sowohl vor Ort als auch bei der Teilnahme an internationaler Arbeit, z. B. über ihre Gemeinden oder andere Institutionen.

 

Hinweise für die Moderation

  • Die Moderator*innen sollten stets zugänglich, aufmerksam, wertschätzend und flexibel auf die Bedürfnisse der Jugendlichen eingehen. Dies bedeutet (in der Regel) eine Haltung des neugierigen Zuhörens, gelegentlich aber auch des Anspornens und Aktivierens, insbesondere wenn die Gruppe eher schüchtern ist, sprachliche Schwierigkeiten hat oder sich erst seit kurzem kennt.
  • Die Moderator*innen sollten sich im Vorfeld mit den im Materialzusatz und Annex bereitgestellten theoretischen, pädagogischen Rahmen sowie den politischen Umsetzungskonzepten auseinandersetzen.
  • Es kann interessant sein, mit einer Zeitleiste zu beginnen, die zeigt, dass wir im Vergleich zu den Tausenden von Jahren, die die Menschheit bereits existiert, erst seit wenigen Jahren partizipative Demokratie erleben. Beispiele für Paradigmenwechsel wären z.B. die Magna Carta von 1215, die Französische Revolution von 1789, die Oktoberrevolution von 1917, das Ende des Zweiten Weltkriegs 1946 und die UN-Menschenrechtserklärung. Zu betonen ist dabei, dass Partizipation immer noch ein neues Konzept ist.

 

Theoretischer und pädagogischer Rahmen & Umsetzung

Theoretischer Rahmen

Arnstein, S. “A Ladder of Citizen Participation,” Journal of the American Planning Association, Vol. 35, No. 4, July 1969, pp. 216-224.

Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. University of Chicago Legal Forum, Vol. 1989, Issue 1, Article 8, pp. 139–167.

Hart, R., Children’s participation from tokenism to citizenship, UNICEF Innocenti Research Centre, Florence 1992.


Pädagogischer Rahmen

Boal, A. (1979). Theatre of the Oppressed, Pluto Press, pp. xix, 122–124.

Freire, P. (2005 edition). Pedagogy of the Oppressed, Continuum, pp. 66–73.

Kolb, D. A. (1984). Experiential Learning: Experience as the Source of Learning and Development. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.

 

Politische Umsetzung

Einführung zur revidierten Europäischen Charta zur Beteiligung junger Menschen am lokalen und regionalen Leben, Kongress der Gemeinden und Regionen des Europarates, Mai 2003, S. 5

Die damit einhergehende Empfehlung CM Rec(2004)13 des Ministerkomitees zur Unterstützung der Umsetzung der überarbeiteten Charta wurde von allen Mitgliedstaaten des Europarates angenommen. S.29

In der Praxis bedeutet dies, dass die Mitgliedstaaten eine moralische Verantwortung für die Umsetzung der überarbeiteten Charta haben, obwohl ihre Empfehlungen nicht rechtsverbindlich sind.

Diese theoretischen und pädagogischen Grundlagen prägen eine Methode, bei der es ebenso sehr darum geht, Demokratie zu erleben wie sie zu lernen. Freire und Boal liefern die befreiende pädagogische Perspektive, Arnstein und Hart verankern sie in der Partizipationstheorie, und Kolb fügt den Erfahrungszyklus hinzu, der notwendig ist, um reale Szenarien zu reflektieren und darauf zu reagieren.

 

Referenzen

 

  • Arnstein, S. “A Ladder of Citizen Participation,” Journal of the American Planning Association, Vol. 35, No. 4, July 1969, pp. 216-224.
  • Boal, A. (1979). Theatre of the Oppressed, Pluto Press, pp. xix, 122–124.
  • Freire, P. (2005 edition). Pedagogy of the Oppressed, Continuum, pp. 66–73.
  • Hart, R., Children’s participation from tokenism to citizenship, UNICEF Innocenti Research Centre, Florence 1992.Crenshaw, K. (1989). Demarginalizing the Intersection of Race and Sex: A Black Feminist Critique of Antidiscrimination Doctrine, Feminist Theory and Antiracist Politics. University of Chicago Legal Forum, Vol. 1989, Issue 1, Article 8, pp. 139–167.
  • Have Your Say! - Manual on the Revised European Charter on the Participation of Young People in Local and Regional Life (New Edition) (2015)
  • Kolb, D. A. (1984). Experiential Learning: Experience as the Source of Learning and Development. Englewood Cliffs, NJ: Prentice Hall.
  • Türkiye’de Gençlik Çalışmaları Rehberi - 5N 3K Yol Haritası, Toy Gençlik Derneği x Tepebaşı Belediyesi Gençlik Merkezleri (2017) https://www.toygenclik.org/wp-content/uploads/2021/01/Tu%CC%88rkiyede-Genc%CC%A7lik-C%CC%A7alis%CC%A7malari-Rehberi-5N3K.pdf.
Glossar

Empowerment 
Empowerment ist der Prozess, Selbstvertrauen, Fähigkeiten, Möglichkeiten und Unterstützung zu erlangen, um Maßnahmen zu ergreifen, Entscheidungen zu beeinflussen und die eigene Zukunft zu gestalten.

Dazu gehören oft

  • die Erkenntnis, dass man Macht hat, auch wenn die Gesellschaft einem etwas anderes sagt
  • seine Stimme zu entwickeln und zu lernen, sie effektiv einzusetzen
  • mit anderen zusammenarbeiten, um ungerechte Systeme zu verändern
  • Kontrolle über Entscheidungen zu haben, die unser Leben beeinflussen

Empowerment ist nichts, was euch jemand übergibt – es ist etwas, das ihr selbst aufbaut, oft durch Reflexion, Dialog und kollektives Handeln.

Alibipolitik
Wenn Menschen (insbesondere Jugendliche) nur zum Schein zur Teilnahme eingeladen werden – ohne wirklichen Einfluss. Beispiel: zu einer Sitzung eingeladen werden, aber nicht sprechen oder entscheiden dürfen.

Bewusstseinsbildung (nach Paulo Freire)
Der Prozess, sich Ungerechtigkeit und Machtverhältnisse in der Gesellschaft bewusst zu machen – und zu erkennen, dass man die Fähigkeit hat, diese zu verändern. Bewusstsein → Reflexion → Handeln.

Intersektionalität (von Kimberlé Crenshaw)
Ein Ansatz, um zu verstehen, wie sich die Identitäten von Menschen (wie Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Behinderung, soziale Schicht usw.) überschneiden und wie dies ihre Erfahrungen in der Gesellschaft beeinflusst – einschließlich des Zugangs zu Teilhabe.

Spect-actor (von Augusto Boal)
Eine Person, die die Welt nicht nur beobachtet, sondern in sie hineingeht – und Maßnahmen ergreift, um das Geschehen zu verändern. Im partizipativen Theater und im wirklichen Leben sind wir alle Spect-Actors.

Erfahrungsbasiertes Lernen (nach David Kolb)
Lernen durch Handeln, Reflektieren und Anpassen.

Kolbs Zyklus
Konkrete Erfahrung (etwas tun)
Reflektierende Beobachtung (darüber nachdenken)
Abstrakte Konzeptualisierung (daraus lernen)
Aktives Experimentieren (etwas Neues ausprobieren)
Die Methode selbst folgt dem Zyklus: 1. persönliche Geschichte → 2. Theorie & 3. Rollenspiel → 4. Reflexion → 5. Aktionsplan.

Projekt Navigating Democratic Challenges

Cover Navigating Democratic Challenges

Diese Methodenbeschreibung ist im Rahmen des Projekts „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“ entstanden, einer Zusammenarbeit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke (DTJB), dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) und der Toy Gençlik Derneği (TOY). Sie ist Teil des im Projekt entwickelten Methodenkompendiums.

Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Europäischen Union im Rahmen von ERASMUS+ gefördert. Die darin geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor*innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Europäischen Union oder von JUGEND für Europa wider. Weder die Europäische Union noch die fördernde Stelle können dafür verantwortlich gemacht werden.

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