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Material

Digital Detox

Natur als Gegenwelt zur Digitalität

Die Natur als Gegenwelt. Digitale Entgiftung, Achtsamkeit, Naturerlebnis, Nachhaltigkeit, Wohlbefinden, ökologisches Bewusstsein. Diese Methode schafft einen bewussten Kontrast zur digitalen Welt, getreu dem Motto: Man sieht die allumfassende Präsenz des Digitalen vielleicht am besten dort, wo es abwesend ist.

Benötigte Zeit

4 Stunden mit Pausen

Gruppengröße

10-30

Lernziele

  • Die Verbindung zwischen Wohlbefinden, Achtsamkeit und ökologischem Bewusstsein erleben

  • Reflexion, was verloren geht oder gewonnen wird, wenn das Leben durch Bildschirme vermittelt wird

  • Verstehen, dass „digitale Nachhaltigkeit” auch bedeutet, Raum für Offline-Erlebnisse zu schaffen

  • Den Wert der Verbindung zur Natur erfahren und als Motivation für den Klimaschutz erkennen

  • Resilienz und Achtsamkeit in Zeiten von Informationsüberflutung und Klimaangst stärken

Lerninhalte

  • Umwelt
  • Ubiquitäre (allgegenwärtige) Technologie
  • Digitale Identität

Durchführung

Vorbereitung

Zu Beginn des Workshops bereitet die*der Moderator*in einen gemütlichen Kreis aus Stühlen oder Sitzkissen in einer natürlichen Umgebung vor, zum Beispiel auf einer Wiese, im Wald oder an einem ruhigen Ort in der Nähe von Wasser. In der Mitte kann eine Feuerstelle (sofern erlaubt), ein Kreis aus Kerzen oder ein anderes natürliches Herzstück aus Steinen, Holz oder Pflanzen stehen, das ein Gefühl von Wärme, Sicherheit und Konzentration vermittelt.

Diese naturverbundene Umgebung unterstützt die Gruppe dabei, aus dem Alltagstrott in einen aufmerksameren, präsenteren Zustand zu wechseln, und schafft eine vertraute Atmosphäre, in der das Zurücklassen digitaler Geräte eher als gemeinsames Ritual denn als Einschränkung empfunden wird.

Ablauf

1. Das Abschiedsritual (10 Minuten)

Zu Beginn des Tages werden die Teilnehmenden dazu aufgefordert, sich bewusst von ihren Smartphones, Smartwatches und anderen vernetzten Geräten zu trennen. Dies ist nicht als digitale Entgiftung oder Ablehnung von Technologie zu verstehen, sondern als bewusstes Experiment mit Aufmerksamkeit und Wahrnehmung.

Alle Geräte werden an einem klar gekennzeichneten und sicheren Ort aufbewahrt, wo sie bis zum Ende des Workshops verbleiben. Das Zurücklassen der Geräte markiert den Übergang von den alltäglichen digitalen Routinen in einen gemeinsamen Lernraum. Das Ritual schafft einen Moment der Pause und des Bewusstseins und macht sichtbar, wie eng digitale Technologien mit unseren Körpern, Gewohnheiten und unserem Gefühl der Verfügbarkeit verbunden sind.

2. Reflexion über den alltäglichen Gebrauch von Geräten (45 Minuten)

Die Teilnehmenden nehmen sich einen Moment Zeit, um darüber nachzudenken, wie sie den Gebrauch von Smartphones, Smartwatches und anderen digitalen Geräten in ihrem Alltag erleben. Der Fokus liegt auf der persönlichen Wahrnehmung, nicht auf Bewertung oder richtig und falsch. Zu den wichtigsten Fragen gehören:

  • In welchen Situationen unterstützen mich digitale Geräte oder erleichtern sie mir das Leben?

  • Wann helfen sie mir, mich verbunden, informiert oder sicher zu fühlen?

  • In welchen Momenten empfinde ich sie als stressig, ablenkend oder überwältigend?

  • Wo spüre ich Druck, ständige Verfügbarkeit oder Informationsüberflutung?

Dieser Schritt schafft ein Bewusstsein für die Ambivalenz digitaler Technologien: Sie können sowohl hilfreich als auch belastend sein. Er bereitet die Teilnehmenden darauf vor, diese Erfahrungen später mit Momenten zu vergleichen, in denen keine digitale Vermittlung stattfindet.

3. Naturwahrnehmungsübung (30 Minuten)

Die Teilnehmenden werden eingeladen, Zeit in einer natürlichen Umgebung zu verbringen, ohne eine bestimmte Aufgabe zu erfüllen oder ein bestimmtes Ergebnis zu erzielen. Der Fokus liegt auf der sensorischen Wahrnehmung und nicht auf dem Denken oder Analysieren. Sie werden gebeten:

  • sich langsam durch den Raum zu bewegen,

  • einen Ort auszuwählen, an dem sie einige Minuten verweilen,

  • auf Geräusche, Texturen, Gerüche, Licht und Körperempfindungen zu achten,

  • Gedanken wahrzunehmen, wie sie kommen und gehen, ohne sich mit ihnen zu beschäftigen.

Bei dieser Übung geht es nicht um Entspannung oder das „Entfliehen” aus der digitalen Welt. Sie bietet eine kontrastierende Erfahrung zur bildschirmvermittelten Aufmerksamkeit und schafft einen Bezugspunkt für die spätere Reflexion über Präsenz, Aufmerksamkeit und Verbindung. Das Ziel ist es, zu erfahren, wie sich Wahrnehmung und Bewusstsein verändern, wenn die Aufmerksamkeit nicht von digitalen Geräten gelenkt wird.

4. Erfahrungen vergleichen: mit und ohne Bildschirme (30 Minuten)

Nach der Naturwahrnehmungsübung kommen die Teilnehmenden zusammen, um über die Unterschiede zwischen ihrer alltäglichen, bildschirmvermittelten Erfahrung und der jüngsten Offline-Erfahrung in der Natur nachzudenken.

In kleinen Gruppen oder zu zweit werden sie aufgefordert, Folgendes zu vergleichen:

  • Wie habe ich meine Aufmerksamkeit vor und während der Naturübung empfunden?

  • Was war ohne digitale Geräte einfacher oder schwieriger?

  • Was hat sich in meinem Zeitgefühl, meinem Körpergefühl oder meiner Präsenz verändert?

  • Was habe ich vermisst und was habe ich nicht vermisst?

Der Schwerpunkt liegt nicht darauf, eine Erfahrung als besser als die andere zu bezeichnen, sondern Unterschiede, Spannungen und Ambivalenzen zu erkennen. Dieser Schritt hilft den Teilnehmenden zu verstehen, wie stark digitale Technologien die Wahrnehmung, Aufmerksamkeit und das Wohlbefinden beeinflussen, und bereitet den Boden für spätere Diskussionen über digitale Nachhaltigkeit und bewusste Entscheidungen.

5. Den Impuls zum Dokumentieren wahrnehmen (20 Minuten)

Die Teilnehmenden werden gebeten, kurz darüber nachzudenken, ob sie während der Naturwahrnehmungsübung den Impuls verspürt haben, nach ihrem Smartphone zu greifen, um beispielsweise ein Foto zu machen, einen Moment festzuhalten, etwas nachzuschlagen oder die Erfahrung zu teilen.

Leitfragen sind unter anderem:

  • Hatte ich das Bedürfnis, das Erlebte zu dokumentieren, festzuhalten oder zu teilen?

  • In welchem Moment trat dieser Impuls auf?

  • Was hätte das Dokumentieren des Moments bewirkt und was hätte es verändert?

  • Was sagt dieser Impuls darüber aus, wie ich normalerweise mit Erfahrungen umgehe?

Dieser Schritt hilft den Teilnehmenden, sich bewusst zu werden, wie tief digitale Gewohnheiten mit Wahrnehmung, Erinnerung und Sinnstiftung verbunden sind. Er verdeutlicht, dass Erfahrungen oft nicht nur durch das geprägt sind, was wir erleben, sondern auch davon, wie stark wir das Bedürfnis verspüren, sie festzuhalten, zu optimieren oder zu teilen.

6. Künstlerische Transformation mit natürlichen Materialien (40 Minuten)

Aufbauend auf den vorherigen Übungen werden die Teilnehmenden eingeladen, ihre Erfahrungen, Eindrücke oder Fragen mithilfe von natürlichen Materialien aus der Umgebung in einen temporären künstlerischen Ausdruck zu verwandeln.

Sie können einzeln oder in kleinen Gruppen arbeiten. Der Fokus liegt nicht auf ästhetischer Qualität oder symbolischer Klarheit, sondern darauf, gelebte Erfahrungen in Form, Gestalt oder Anordnung zu übersetzen. Die Teilnehmenden werden ermutigt, intuitiv und ohne vorherige Planung des Ergebnisses zu arbeiten. Die Kunstwerke werden ohne digitale Hilfsmittel geschaffen und sind als temporär gedacht. Sie existieren nur im gegenwärtigen Moment und werden von den Teilnehmenden nicht dokumentiert.

7. Paradoxe Intervention

An einem bestimmten Punkt während oder nach der Schaffensphase greift die Moderation sichtbar nach dem Smartphone und äußert die Absicht, Fotos von den Kunstwerken zu machen. Es wird keine Erklärung gegeben.

Die Reaktionen der Gruppe werden beobachtet:

  • Wer fühlt sich unwohl, gleichgültig oder erleichtert?

  • Wer möchte die Kunstwerke davor schützen, fotografiert zu werden?

  • Wer ist der Meinung, dass eine Dokumentation einen Mehrwert darstellen würde?

Die moderierende Person löst die Situation nicht sofort. Der Moment wird kurz festgehalten, dann wird das Telefon wieder weggepackt.

Diese Intervention soll die Teilnehmenden nicht provozieren oder testen, sondern implizite Normen, Erwartungen und Spannungen in Bezug auf Dokumentation, Eigentum, Sichtbarkeit und Dauerhaftigkeit greifbar machen. Die Erfahrung kann später in der Reflexion als Beispiel dafür aufgegriffen werden, wie tief digitale Gewohnheiten die Bedeutungsbildung prägen, selbst in explizit nicht-digitalen Kontexten.

8. Galeriebesuch – Beobachten ohne zu urteilen (20 Minuten)

Nach Abschluss der künstlerischen Transformation mit natürlichen Materialien werden die Teilnehmenden zu einem stillen Galeriebesuch eingeladen. Sie bewegen sich langsam durch den Raum und betrachten die von anderen geschaffenen Kunstwerke.

Richtlinien für den Galeriebesuch:

  • Der Besuch findet in Stille statt.

  • Es werden keine Erklärungen, Interpretationen oder Bewertungen abgegeben.

  • Die Teilnehmenden fragen nicht, wer welches Werk geschaffen hat.

  • Der Fokus liegt auf der Wahrnehmung und nicht auf der Bedeutung.

Die Teilnehmenden werden dazu angeregt, Folgendes zu beachten:

  • Welche Kunstwerke ziehen ihre Aufmerksamkeit auf sich und warum?

  • Welche Emotionen, Gedanken oder körperlichen Empfindungen entstehen bei ihnen?

  • Wo spüren sie Resonanz, Irritation oder Distanz?

  • Was bleibt unklar oder mehrdeutig?

Der Galerie-Rundgang betont eine Form der Rezeption, die nicht auf sofortigem Feedback, Likes oder Kommentaren basiert. Er schafft eine Erfahrung der Begegnung mit Ausdrucksformen ohne Dokumentation, Vergleich oder Performance und verstärkt die Vorstellung, dass Bedeutung existieren kann, ohne digital erfasst, geteilt oder validiert zu werden.

Reflexion

Die Teilnehmenden kommen zu einer abschließenden Reflexion zusammen, die ihre Erfahrungen mit dem Konzept der digitalen Nachhaltigkeit und der persönlichen Handlungsfähigkeit verbindet. (30 Minuten)

  • Was haben die heutigen Erfahrungen über die Beziehung zwischen Aufmerksamkeit, Wohlbefinden und Umwelt gezeigt?

  • Wo unterstützen digitale Technologien ein gutes Leben – und wo untergraben sie es?

  • Was bedeutet „digitale Nachhaltigkeit” über den Energieverbrauch und die technische Effizienz hinaus?

  • Wo könnte es eine aktive Entscheidung sein, Raum für Offline-Erfahrungen zu schaffen, anstatt dies als Verlust zu betrachten?

Die Teilnehmenden werden gebeten, Folgendes zu formulieren:

  • Eine Erkenntnis über ihre eigenen digitalen Gewohnheiten,

  • eine Frage, die sie sich auch in Zukunft stellen möchten,

  • oder ein Kriterium, das sie bei der Entscheidung für oder gegen die Nutzung eines digitalen Tools oder Dienstes anwenden könnten.

DIYW-ROAD Logo

Projekt: Digital Youth Work - Rights-Sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD)

Veröffentlicht im Rahmen des Projekts DIYW-ROAD, einer europäischen Partnerschaft koordiniert vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.   

Die englischsprachige Originalversion dieser Methode ist unter einer CC-BY-SA 4.0 International Lizenz auf der Plattform Competendo erschienen:
➔ Digital Detox

CC BY SA Lizenz

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