
Digitale Intimität
Sexting zum Thema machen
Diese Methode lädt junge Menschen ab 13 Jahren dazu ein, die Möglichkeiten und Risiken digitaler Intimität durch Geschichtenerzählen, Rollenspiele und kritische Reflexion zu erkunden. Mit realistischen und altersgerechten Szenarien über romantische oder sexuelle Interaktionen im Internet untersuchen die Teilnehmenden emotionale, soziale und rechtliche Konsequenzen in Bezug auf Vertrauen, Einwilligung und Privatsphäre im digitalen Raum.
Benötigte Zeit
2-4 Phasen zu je 60-90 Minuten
Zielgruppe/Mindestalter
13 Jahre
Gruppengröße
6-25 Personen
Benötigtes Material
Szenarien (siehe Vorlage)
Lernziele
- Erkunden, wie digitale Tools Intimität und Beziehungen beeinflussen
- Emotionale und soziale Folgen von Sexting verstehen
- Reflexion über Werte wie Vertrauen, Respekt, Verantwortung und Privatsphäre
- Bewusstmachung der Rechte, Risiken und Schutzstrategien im Internet
- Stigmatisierung reduzieren
- Empathie und offenen Dialog fördern
Lerninhalte
- Kenntnisse über Sexting
- Arbeit mit Szenarien
Hintergrund: Was ist Sexting?
Der Begriff setzt sich zusammen aus den Wörtern Sex und Texting. Er beschreibt den Austausch von Nachrichten, Bildern oder Videos sexueller Natur über ein digitales Medium. Der Austausch sexueller Bilder oder Nachrichten ist eine Möglichkeit, mit Sexualität zu experimentieren, zu jeder Zeit und in jedem Alter. Sexting kann also zum einen Teil einer gesunden sexuellen Entwicklung sein, in der junge Menschen ihre (sexuelle) Identität ausprobieren und formen (Belgian Safer Internet Centre, 2025). Sexting birgt jedoch mehrere Risiken, und selbst wenn Einzelpersonen glauben, dass sie sich in einer vertrauensvollen Beziehung befinden, ist dies nicht immer der Fall.
Die digitale Kommunikation bietet oft einen Raum, in dem junge Menschen sich sicherer fühlen, Fragen zu Sexualität, Geschlechtsidentität und emotionaler Intimität zu erörtern – Themen, die im Alltag aufgrund von Stereotypen, Vorurteilen oder normativen Annahmen über Sex, sexuelle Orientierung oder Geschlechterrollen möglicherweise schwer zu diskutieren sind.
Die Methode soll jungen Menschen vermitteln, dass Online-Intimität auf gegenseitigem Respekt, Einverständnis und Fürsorge beruhen muss.
Es werden verschiedene problematische Phänomene vorgestellt und diskutiert, die auftreten können, wenn Intimität digital wird:
- Nicht einvernehmliche Weitergabe von Bildern – die Verbreitung privater oder intimer Fotos ohne Erlaubnis, was zu Demütigung, Kontrollverlust und möglichen rechtlichen Schritten führen kann.
- Rachepornos – das absichtliche Teilen intimer Aufnahmen einer anderen Person, um ihr zu schaden, oft nach einer Trennung oder einem Konflikt. Dies stellt eine schwerwiegende Verletzung der Zustimmung, des Vertrauens und der Würde dar und kann strafrechtliche Konsequenzen haben.
- Online-Grooming – wenn ein*e Erwachsene*r online das Vertrauen eines*r Jugendlichen gewinnt, um ihn*sie sexuell auszubeuten, oft indem er*sie sich als gleichaltrig ausgibt.
- Gruppenzwang und digitale Männlichkeit – soziale Dynamiken, die junge Menschen, insbesondere Jungen, dazu bringen können, intime Inhalte zu teilen oder zu fordern, um ihren Status oder ihre Zugehörigkeit zu beweisen.
- Dynamik unter Zuschauenden – Situationen, in denen Gleichaltrige schädliches Verhalten im Internet beobachten und entscheiden müssen, ob und wie sie unterstützend eingreifen sollen.
Vorbemerkung
Die Auseinandersetzung mit Sexting kann für Einzelne belastend sein. Aus diesem Grund muss vor Durchführung der Übung sichergestellt werden
- dass die Teilnahme freiwillig ist und dass niemand derjenigen, die nicht teilnehmen möchten, sich rechtfertigen müssen (ob in der Gruppe oder gegenüber den Trainer:innen)
- Triggerwarnung und frühzeitige Bekanntgabe, was das Thema der Übung sein wird
- dass Regeln der sicheren und anerkennenden Kommunikation eingehalten werden
- Moderator:innen geschult im Umgang mit getriggerten Teilnehmenden sind
- Moderator:innen sind darauf vorbereitet, sexualitätsbeziogene Themen jenseits von Tabuisierung anzusprechen
Anmerkungen für Pädagog*innen
Als Pädagog*innen müssen wir bereit sein, vielfältig tabuisierte Fragen der Sexualität anzusprechen. Als Erwachsene müssen wir ohne Vorurteile in diese Gespräche gehen und ein Umfeld des Vertrauens, der Offenheit und der Fürsorge schaffen.
- Moralisierende Sprache vermeiden. Stattdessen einfühlsam und klar kommunizieren.
- Positiv auf das Bedürfnis nach Intimität und Anerkennung reagieren.
- Einen sicheren Raum für die Diskussionen schaffen – insbesondere vermeiden, dass Schuldzuweisungen an die Opfer gerichtet werden
- Diese Übung kann genutzt werden, um weitere Gespräche zum Thema zu eröffnen, eher nicht, um sie abzuschließen.
Ablauf
Vorbereitung
Ausdrucke der Kurzszenarien (siehe Vorlage) oder Präsentation
1. Rahmen setzen
Die moderierende Person führt in das Thema ein. Leitfragen können hierzu sein:
- Wie erleben wir heute Intimität und Beziehungen?
- Inwiefern verändert die digitale Technologie unsere emotionalen Erfahrungen?
- Ist Online-Intimität „weniger real”? Warum oder warum nicht?
Die Teilnehmenden werden ermutigt, ihre persönlichen Meinungen ohne Wertung äußern. Die Moderation stellt klar, dass es nicht darum geht, zu beschämen, sondern zu verstehen und zu reflektieren.
2. Interaktive Erkundung der Szenarien
Lesen Sie eine oder mehrere der kurzen Szenarieren vor, die auf realen Situationen basieren (Vorlage). Dies kann im Plenum oder in kleinen Gruppen geschehen (2–4 Personen).
- Szenario 0 – Respektvolle Beziehung, verantwortungsvoller Umgang
- Szenario 1 – Nicht einvernehmliche Weitergabe von Bildern
- Szenario 2 – Rache und soziale Ausgrenzung
- Szenario 3 – Grooming und Manipulation
- Szenario 4 – Sicherer Raum oder Illusion?
Die Moderation kann auch ein bestimmtes Szenario auszuwählen und daran arbeiten. Dies bietet sich etwa an, wenn ein spezielles Thema behandelt werden soll.
Die Moderator*innen ermutigen die Teilnehmer*innen, sich für jede Geschichte verschiedene Enden auszudenken und über die möglichen Folgen dieser Entscheidungen nachzudenken.
Optional können die Szenarien auch um andere Charaktere wie Freunde, Eltern, Trainer*innen oder Lehrer*innen usw. erweitert werden. Dies hilft den Teilnehmer*innen, nicht nur zu überlegen, wie Einzelpersonen reagieren könnten, sondern auch, wie sie erwarten, dass sich andere in solchen Situationen verhalten. So kann auch zum Nachdenken darüber angeregt werden, wie wir handeln können, wenn wir nicht die Hauptfiguren der Geschichte sind, sondern Zeug*innen – ob wir also unterstützend oder passiv agieren oder sogar mitschuldig an den Erfahrungen Anderer sind.
Varianten
Die Teilnehmenden wählen ein Szenario aus und
- kreieren ein alternatives Ende
- schreiben einen Brief von einer Figur an eine andere
- führen ein Rollenspiel mit einem vertrauten Erwachsenen durch
- entwerfen ein Poster oder Meme zum Thema digitales Vertrauen
Reflexion
Plenum
- Welche Emotionen kamen in diesen Geschichten zum Vorschein?
- Was macht eine Beziehung respektvoll, online oder offline?
- Welche Regeln würdet Ihr für euch selbst aufstellen?
- Wie können wir uns selbst und einander schützen?
Strategien
Die Gruppe soll nun praktische Strategien entwickeln und diskutieren, zum Beispiel
- Sicherheitseinstellungen am Telefon nutzen
- Keine Bilder weiterleiten
- Mit einer vertrauten Person sprechen
- Inhalte oder User*innen melden
- Ein Gefühl dafür entwickeln, wann man aufhören oder Grenzen setzen muss
Zusammenfassung & Transfer
Die Moderation bittet die Teilnehmenden, für sich zu überlegen:
- Was wirst du ab heute wohl anders machen?
- Welchen Rat würdest du einem jüngeren Geschwisterkind oder einem Freund zum Thema digitale Intimität geben?
Foto: © politischbilden.de im Computerspielemuseum Berlin

Digital Youth Work - Rights-Sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD)
Veröffentlicht im Rahmen des Projekts DIYW-ROAD, einer europäischen Partnerschaft koordiniert vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.
Die englischsprachige Originalversion dieser Methode ist unter einer CC-BY-SA 4.0 International Lizenz auf der Plattform Competendo erschienen:
➔ Digital Intimacy

