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Kompetenzorientierung

Ein Ansatz zur systematischen Qualitätsentwicklung für die außerschulische politische Bildung

Kompetenzorientierung wird in der außerschulischen politischen Bildung kontrovers diskutiert, bietet jedoch großes Potenzial für Qualität und Wirkung. Der Ansatz rückt nicht nur Wissen, sondern auch Haltungen, Werte und Fertigkeiten in den Fokus und stärkt so Urteils- und Handlungskompetenz. Über Chancen und Herausforderungen einer systemischen Verankerung von Kompetenzorientierung.

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Kompetenzorientierung ist in vielen pädagogischen Berufsfeldern bereits lange etabliert. Auch die politische Bildung, insbesondere im schulischen Kontext, basiert auf Ansätzen und Modellen kompetenzbasierten Lernens, die meistens auf die Kompetenzentwicklung von Lernenden abheben. Im Hinblick auf die Kompetenzen von Fachkräften der non-formalen Bildung hat die European Training Strategy bereits vor zehn Jahren das Competence Model for Trainers entwickelt, das maßgeblich für die europäische Trainer*innen Ausbildung ist und zudem zyklisch überarbeitet und aktualisiert wird. Die außerschulische politische Bildung in Deutschland beruft sich auf ihre Vielfalt an Ansätzen, Trägerphilosophien und Weltanschauungen als Prädikat ihres gesamtgesellschaftlichen Wirkungsgrades, und begegnet einem gemeinsamen Diskurs über Kompetenzorientierung bisher eher zurückhaltend.

Kritik am Kompetenzdenken und inhaltliche Verständigung

Inhaltlich wird der Kompetenzorientierungsdiskurs in der außerschulischen politischen Bildung im deutschsprachigen Raum unter anderem durch eine langanhaltende Uneinigkeit über den Nutzen bzw. Schaden des Kompetenzdenkens im Bildungsbereich ausgebremst. Kompetenzdenken, so die

Kernkritik, trage im schlimmsten Fall zu einer weiteren Ökonomisierung von Bildung bei, wodurch Lernen und Lernende vorrangig an den zweckorientierten Kriterien Nützlichkeit und Verwertbarkeit gemessen würden.

Dieser Vorbehalt ist in Zeiten, in denen sehr eng geführte Konzepte wie „finanzielle Bildung“ eingeführt werden, berechtigt und sollte als wertvolles Korrektiv angesehen werden. Denn Lernende lediglich als informierte Konsument*innen anzusehen, steht im drastischen Widerspruch zu dem Grundsatz, (junge) Menschen insbesondere zu kritisch-selbstbestimmtem Denken und Handeln inmitten gesellschaftlicher Ungleichheiten zu ermutigen, wie es beispielsweise die Frankfurter Erklärung „Für eine kritisch emanzipatorische Politische Bildung“ vorschlägt.

Gleichzeitig lässt sich die Forderung nach professioneller Handlungskompetenz von Bildner*innen, wie sie in allen Berufsfeldern mit formalisierten Ausbildungswegen festgeschrieben ist, nicht pauschal abtun. Die außerschulische politische Bildung muss dieses Spannungsfeld aufgrund ihres gesamtgesellschaftlichen Auftrags und der Komplexität ihres Lernfeldes mit besonderer Aufmerksamkeit navigieren. Eine kompetenzorientierte Sichtweise sollte sich fortlaufend vergewissern, dass sie die Ermöglichung reflektierter, demokratischer und machtsensibler Bildungsprozesse ins Zentrum ihrer Bildungsarbeit stellt.

 

Grundannahmen und Ziele kompetenzbasierten Lernens

Der Ansatz kompetenzbasierten Lernens geht davon aus, dass Lernen fortlaufend und in Etappen von Lernen, Verlernen und Umlernen stattfindet, sodass Lernende die Ausprägung einzelner Teilkompetenzen als Spektrum, zum Beispiel von wenig bis sehr ausgeprägt, entwickeln und reflektieren können. Es berücksichtigt alle Erfahrungen der Lernenden in unterschiedlichen Situationen, Rollen und Lebensabschnitten als relevant.

Dabei geht Kompetenzorientierung über das wissensorientierte Lernen hinaus und befasst sich auch mit Einstellungen/Haltungen, Werten und Fertigkeiten und reflektiert, wie diese zusammenspielen. Es nimmt also die einzelnen Lernenden ernst und stimmt die Lernaktivitäten auf ihre Bedürfnisse ab.Der kompetenzorientierte Ansatz folgt der Annahme, dass Lernen die Eigenverantwortung des*der Einzelnen für sein*ihr eigenes Lernen stärkt, die Arbeit an der persönlichen Kompetenz unterstützt und den Aufbau der Fähigkeit zum Lernen begünstigt. Gleichzeitig rahmt er Lernen als einen kooperativen und sozialen Prozess – zwischen Klassenzimmer und realem Leben, formalem, non-formalem und informellem Lernen – verbunden mit verschiedenen gesellschaftlichen Institutionen und Werten.

Erfolgreich und relevant wird Lernen, wenn Einzelne ihr Wissen, ihre Einstellungen und Fertigkeiten in einer bestimmten Situation aktivieren können. Dies kann als Kompetenz bezeichnet werden. Aus der Perspektive des lebenslangen Lernens verbringen Menschen nur eine kurze Zeit in Bildungseinrichtungen. Außerhalb formaler Lernumgebungen entwickeln sie sich weiter, gewinnen neue Erkenntnisse und formen ihre Persönlichkeit.

Diese Sichtweise des Lernens als kontinuierlicher, transformativer und vielfältiger Prozess wird für Gesellschaften, die sich im Umbruch befinden, immer wichtiger.

Kompetenzorientierung in der außerschulischen politischen Bildung

Aufgrund ihres gesamtgesellschaftlichen Wirkungsauftrags benötigt die außerschulische politische Bildung ein breites Verständnis von Kompetenzen bzw. Kompetenzorientierung. Sie lässt sich nicht darauf reduzieren, Wissen über politische Strukturen, Entscheidungen oder Ereignisse zu vermitteln. Ihre Aufgabe ist es, anknüpfend an die Potenziale, Interessen und Bedarfe, Erfahrungen und Lebenswelten der Teilnehmenden, die Zusammenhänge zwischen der Lebenssituation der Teilnehmenden und den gesellschaftlichen Bedingungen deutlich zu machen, um aufzuzeigen, welche Möglichkeiten es gibt, sich selbst politisch zu Wort zu melden und sich politisch aktiv einzumischen. Außerschulische politische Bildung bietet Räume, in denen demokratische Aushandlungsprozesse und der Umgang miteinander eingeübt und reflektiert werden können.

Außerschulische politische Bildung agiert nie isoliert, sondern verortet ihre Wirksamkeit immer mit Bezug zur Gesellschaft. Sie zielt darauf ab, Urteils- und Kritikfähigkeit von Lernenden zu stärken, um Macht- und Herrschaftsverhältnisse zu hinterfragen, demokratiefeindliche Ideologeme zu entschlüsseln sowie gesellschaftliche Konfliktlinien und Widersprüche zu erkennen und zu verstehen. Neben der Kompetenz, die eigenen Interessen und Standpunkte wirkungsvoll zu vertreten, wird dabei auch die Bereitschaft gefördert, andere Positionen anzuerkennen, einzubeziehen und Kompromisse zu schließen. Sie stärkt Menschen in der Bewältigung von Krisen und ermutigt gesellschaftliche Veränderungen mitzugestalten.

In diesem Sinne können Kompetenzen für Fachkräfte der außerschulischen politischen Bildung als eine Kombination von Kenntnissen, Fertigkeiten, Haltungen/Einstellungen beschrieben werden, wobei in der politischen Bildung Haltung, Werte und Normen eine besondere Kompassfunktion für professionelles Handeln haben. Gleichzeitig stellen vielfältige Wissensbestände politischen Bildner*innen Ressourcen für das Durchdringen komplexer gesellschaftlicher Sachverhalte bereit und regen zum systematischen Einbezug und zur Aufbereitung von Daten, Konzepten, Ideen und Theorien an. Auf der Handlungsebene lassen sich Kompetenzen als die Fähigkeit und das Vermögen zusammenfassen, Bildungsprozesse verantwortungsvoll und bewusst zu planen beziehungsweise durchzuführen, dabei auf das vorhandene Wissen zurückzugreifen und diese fortlaufend zu reflektieren und anzupassen.

Kompetenzorientierung erhält fachliche Vielfalt und stärkt gesamtgesellschaftliche Wirkung

Die außerschulische politische Bildung zeichnet nicht nur ihre Diversität an Berufszugängen aus, die in einer interdisziplinären Vielfalt von Angeboten politischen Lernens mündet. Sie besitzt qua Selbstverständnis das Qualitätsmerkmal, Lernprozesse immer mit dem „größeren Ganzen“ der

Gesellschaft zu verknüpfen. Kompetenzorientierung, sofern auf diese spezifische Eigenschaft zugeschnitten, unterstützt politische Bildner*innen darin, übergeordnete Ziele wie Selbstbestimmung, Partizipation und Selbstentfaltung von Lernenden nicht als Hintergrund, sondern als Vordergrund ihrer Berufsauffassung/-ausübung zu betrachten.

Die praktische Ausgestaltung von kompetenzorientierter Fachkräftebildung darf allerdings nicht darin bestehen, politische Bildner*innen ihrer professionellen Weiterentwicklung (weiterhin) alleine zu überlassen. Im Gegenteil spricht vieles dafür, Kompetenzorientierung systemisch anzugehen. Das heißt, sie systematisch in die berufliche (Weiter-)Qualifizierung von Fachkräften, die Organisations und Personalentwicklung von Bildungseinrichtungen, den strategischen Auf-/Ausbau von Netzwerken, in Fördermittelstrategien und in die Qualitätsentwicklung der Profession zu integrieren.

Kompetenzprofil-Cover

Der Beitrag ist Teil der Publikation kompetent.politisch.handeln - 
Kompetenzprofil für Fachkräfte der außerschulischen politischen Bildung (2025)
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Das Kompetenzprofil ist ein Orientierungsrahmen für die Weiterentwicklung von Aus- und Fortbildungsangeboten sowie für die Qualitätssicherung für Fachkräfte, Bildungseinrichtungen, Hausleitungen, Träger, Netzwerke und Förderer in der politischen Bildung. Es benennt zentrale Anforderungen, die an politische Bildner*innen gestellt werden und beschreibt systematisch und praxisnah, welche Fähigkeiten und Kompetenzen Fachkräfte benötigen, um Bildungsprozesse wirkungsvoll gestalten zu können. Das Kompetenzprofil wurde in einem breit angelegten partizipativen Entwicklungsprozess unter Federführung des AdB erarbeitet.

Hier gibt es mehr Informationen zum Entwicklungsprozess des Kompetenzprofils.

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