Zum Inhalt springen
Stegbrücke am See
Material

Photovoice

Marginalisierte Perspektiven durch Fotografie sichtbar machen

Photovoice ist eine partizipative Methode, die junge Menschen befähigt, ihren eigenen Blick auf die Welt durch Fotografie auszudrücken. Sie ist ein wirkungsvolles nonverbales Mittel, um auch marginalisierte oder unterrepräsentierte Perspektiven einzubringen und Identität, Zugehörigkeit und soziale Herausforderungen in verschiedenen kulturellen Kontexten zu erforschen. Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange

Zum Download1 Datei | Lizenz: CC BY SA

Zielgruppe

ab 14 Jahren

Gruppengröße

ideal: max. 15 TN, 3 Teamer*innen

Material

Kameras, Smartphones/Tablets/iPads (1 Gerät pro TN), ggfalls Material für Ausstellung: Fotodruck, Raum, Beamer für digitale Ausstellung

Überblick

Photovoice ist eine partizipative Methode, die junge Menschen – insbesondere aus marginalisierten oder unterrepräsentierten Verhältnissen – befähigt, ihre Perspektiven durch Fotografie auszudrücken. Im Kontext deutsch-türkischer Jugendaustausche bietet sie ein wirkungsvolles nonverbales Mittel, um auch marginalisierte oder unterrepräsentierte Perspektiven einzubringen und Identität, Zugehörigkeit und soziale Herausforderungen in verschiedenen kulturellen Kontexten zu erforschen. Die Methode legt die Kamera – und damit die Macht der Darstellung – in die Hände der Teilnehmenden. Indem sie ihre eigene Realität festhalten, reflektieren junge Menschen kritisch über gemeinsame Themen wie Diskriminierung, Integration und Teilhabe. Dies stärkt nicht nur die Selbstdarstellung, sondern hinterfragt auch dominante Narrative und Stereotypen, die oft die öffentliche Wahrnehmung von Migranten- oder Minderheitengemeinschaften prägen. Der Prozess beginnt mit einer gemeinsamen Reflexion der Gruppe über ein gemeinsames Thema. Anschließend dokumentieren die Teilnehmenden ihre Sichtweisen durch Fotos, die sie über einen bestimmten Zeitraum hinweg aufnehmen. In Folgesitzungen tauschen sie sich innerhalb der Gruppe über die Bedeutung ihrer Bilder aus und diskutieren darüber. Dieser Dialog fördert Empathie, kritisches Denken und interkulturelles Verständnis. Photovoice kann mit einer öffentlichen Ausstellung oder einem Forum abgeschlossen werden, das den Teilnehmern eine Plattform bietet, um ihre Geschichten den lokalen Gemeinschaften oder Entscheidungsträgern zu präsentieren. Im Rahmen deutsch-türkischer Jugendaustausche schafft es sinnvolle Räume für Dialog und demokratisches Engagement und ermutigt junge Menschen, sich als aktive Mitgestalter einer inklusiven Gesellschaft zu verstehen.


* Note: Descriptions in English and Turkish are available in the downloads section*

Lernziele

Die Teilnehmenden

  • identifizieren Stärken und Anliegen ihrer Gemeinschaft und reflektieren über diese 
  • treten in einen kritischen Dialog und eignen sich Wissen über wichtige Themen ihrer Gemeinschaft an (durch Diskussionen über Fotos in großen und kleinen Gruppen)

Lerninhalte

  • Erfahrungsaustausch in einer geschützten Umgebung, Selbstreflexion eigener Erfahrungen und Perspektiven
  • Perspektivwechsel durch Auseinandersetzung mit Erfahrungen anderer
  • Erkennen von Gemeinsamkeiten und Unterschieden
  • Hinterfragen von Stereotypen und Sensibilisierung für Diskriminierung
  • Verständnis individueller Probleme als kollektive gesellschaftliche Herausforderungen
  • Gemeinsame Entwicklung möglicher Lösungsansätze

Durchführung und Hinweise

Ablauf

Die Teilnehmenden sollten in einen dreistufigen Prozess eingebunden werden:

Schritt 1 ist die Auswahl, d. h. „die Auswahl der Fotos, die die Bedürfnisse und Vorzüge der Gemeinschaft am besten widerspiegeln“.

Schritt 2 ist die Kontextualisierung, d. h. „das Erzählen von Geschichten darüber, was die Fotos bedeuten„..

Schritt 3 ist die Kodifizierung, die sich auf die „Identifizierung der Themen, Motive oder Theorien, die sich herauskristallisieren“ bezieht (Wang und Burris, 1997, S. 380).

 

Die Schritte können bei der Durchführung eines Photovoice-Workshops an unterschiedliche Kontexte/Anlässe angepasst werden, aber die Moderation sollte sie im Auge behalten, da sie sich im gesamten Workshop-Prozess widerspiegeln, einschließlich der Nachbesprechung und der Gruppendiskussion/Reflexion.

Start: Kennenlernen & Themenfindung

Um den Prozess konkreter in die Praxis umzusetzen, sollten die Teilnehmenden zusammenkommen. Sie werden darüber informiert, was Photovoice ist und was sie erwartet. Der Photovoice-Prozess ist offen für Änderungen aufgrund von Vorschlägen der Teilnehmenden, daher wird der Ablauf mit den Teilnehmern besprochen und dann entschieden, wie er durchgeführt werden soll. Alternativ kann ein klarer Ablauf festgelegt werden, und die Teilnehmenden können gebeten werden, den Prozess je nach Kontext/Projekt zu befolgen. Im Allgemeinen sind die Schritte wie folgt:

1. Zusammenkommen und sich in entspannter Atmosphäre kennenlernen.

Wenn sich die Gruppe überhaupt nicht kennt, werden Ice Breaker verwendet, die sich gut zum Kennenlernen eignen. (Wenn sich die Gruppe bereits kennt und die Photovoice-Workshops über einen längeren Zeitraum stattfinden, kann der Beginn variieren, von Körperarbeit über kreative Inputs bis hin zu Check-ins mit Leitfragen). Die Ice Breaker helfen, sich spielerisch bewußt zu werden, welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Gruppe bestehen. Es empfiehlt sich mit persönlichen Themen / Vorlieben (bspw. "Alle die...”) einzusteigen und allmählich auf Kultur und Politik überzugehen.

Eine positive und einladende Atmosphäre innerhalb der Gruppe schaffen, bspw. indem ein Gruppenvertrag mit Regeln überlegt wird, denen alle Teilnehmer zustimmen, z. B. unterschiedliche Standpunkte in Bezug auf Religion respektieren, nicht schreien usw.

Gerade bei Gruppen mit ggf. konfliktiver Erfahrung, ist es wichtig zu erläutern, dass das Ziel des Workshops nicht darin besteht, große politische Probleme zu lösen, sondern dass es die Möglichkeit gibt, in einem sicheren Raum miteinander zu sprechen, mögliche Gemeinsamkeiten zu erkennen und persönliche Erfahrungen und Auswirkungen zu reflektieren.

2.         Erläuterung der Methode gegenüber den Teilnehmenden und Vorführung einiger Beispiele je nach Gruppe/Kontext/Austausch.

3.         Themen absprechen, festlegen und besprechen bspw. Identität, Freundschaft, Herausforderungen im Alltag, demokratische Herausforderungen, Fankultur, Geschichte. Das Thema kann auch gemeinsam mit der Gruppe festgelegt und beschlossen werden. Bei begrenzter Zeit für den Workshop sollte das Thema vorgegeben werden, da die Entscheidung mit einer Gruppe zu lange dauert.

 4.        Die Moderation sollte das Thema „Einwilligung“ einbringen und die schriftliche Einwilligung der Teilnehmenden einholen. Bei Teilnehmenden unter 18 Jahren muss es vorab eine Abstimmung mit den Eltern geben. Wenn eine Ausstellung geplant ist, sollten die Teilnehmenden auch über die ethischen Aspekte wie etwa die Einwilligung in Bezug auf Fotos informiert werden. Wenn eine Person auf dem Foto zu erkennen ist, sollte deren mündliche oder schriftliche Einwilligung eingeholt werden..

Entsprechend sollte die Möglichkeit der Anonymisierung, Änderung von Namen, Schauplätzen angesprochen werden etc. Abhängig davon wieviel Zeit im Workshop ist kann auch das Basteln von Masken aus Gips oder Pappe mit den Teilnehmenden eine Option sein, um Anonymität zu gewährleisten. Dies kann auch Spaß machen und einen sicheren Raum für die Einbeziehung für alle schaffen.
 

Praxisphase / Durchführung:

5.        Die Teilnehmenden haben eine bestimmte Anzahl von Stunden, Tagen oder Wochen Zeit, um ein oder mehrere Fotos zum Thema zu machen.
 

Showcase:

6.         Wenn die Zeit abgelaufen ist, kommen sie zusammen und zeigen ihre Fotos digital oder in gedruckter Form, je nach Anlass und Kontext. In diesem Prozess können sie auch einen Titel für ihr Foto wählen, wenn sie möchten.

7.         Die Teilnehmenden sprechen darüber, warum sie dieses Foto gemacht haben und was es über das Thema/ihren Alltag aussagt.

8.         Nach den Vorträgen der einzelnen Teilnehmenden haben sie Zeit, sich gegenseitig Fragen zu stellen oder ihre Ideen/Kommentare auszutauschen

Varianten
  • Die Methode kann an unterschiedliche Zeitvorgaben angepasst werden, aber weniger als zwei Stunden sind unrealistisch, ohne Stress zu verursachen.
  • Ein Zeitrahmen von 45 Minuten ist in einer Gruppe von maximal fünf Personen mit sehr klaren Anweisungen und einem vorgegebenen Thema möglich.
  • Die Methode kann schulischen oder anderen formalen Kontexten in einer Klasse / Seminar angewendet werden und als Projekt über mehrere Wochen oder Monate hinweg durchgeführt werden.
Hinweise für Planung und Moderation
  • Im Gegensatz zum exzessiven Gebrauch von Mobiltelefonen und sozialen Medien lernen Teilnehmende, mit einer Kamera nicht „zufällig“, sondern mit einer bestimmten Vorstellung davon, was sie zeigen/erzählen möchten, zu arbeiten. Dementsprechend wird bei der Photovoice- Methode nicht darüber gesprochen, wie ästhetisch oder künstlerisch das Ergebnis ist. Dennoch sollte der Output der Teilnehmenden gewürdigt werden, indem betont wird, dass es sich dabei um eine Art Kunst des Alltags handelt. Die Teilnehmenden haben die Zeit und die Möglichkeit, sich im Rahmen des Projekts/der Mobilität klarer und gezielter mit ihren „alltäglichen” Erfahrungen auseinanderzusetzen und sorgfältiger auszuwählen, was sie darstellen möchten.
  • Bei internationalen Austauschprogrammen sind Übersetzer*innen von entscheidender Bedeutung, da es sehr wichtig ist, dass alle Teilnehmenden verstehen, was die anderen sagen. Hierfür sollte zusätzliche Zeit einkalkuliert werden, die für die Übersetzung und mögliche Unterbrechungen benötigt wird.

 

 

Konzeptioneller Hintergrund

Als visuelle partizipative Methode wurde Photovoice Ende der 1990er Jahre von Caroline Wang und Mary Ann Burris im Bereich der öffentlichen Gesundheit entwickelt. Seitdem wird es in Bildungs- und Sozialarbeitskontexten insbesondere zu Themen wie Migration, Bildung, Geschlecht, Kultur usw. angewandt.

Der kontextuelle und konzeptionelle Hintergrund von Photovoice stützt sich zunächst auf feministische Theorie und Methodik, die den Unterschied zwischen den gelebten Erfahrungen und den Darstellungen in den Mainstream-Medien, Forschungsergebnissen und/oder der Alltagspolitik problematisiert und diskutiert. Angesichts der vielfältigen Unterschiede versucht ihr epistemologischer und damit methodischer Ansatz, Frauen und anderen unterrepräsentierten oder falsch dargestellten Personen einen breiten Raum zu eröffnen, um über sich selbst als Subjekte zu sprechen und ihre Erfahrungen aus ihrer Sichtweise heraus zu verbreiten. Sie betrachten diesen Prozess und das Ringen um die Übernahme der Darstellungsinstrumente als etwas Politisches, das die Position der Subjekte verändern und viele andere Aspekte in einer Gesellschaft in Frage stellen kann. In Kombination mit feministischer Methodik stützt sich Photovoice auf Paulo Freires kritische Pädagogik und Empowerment-Prinzipien und ist von diesen inspiriert. Freire (1974, 1984) diskutiert und betont, dass es entscheidend ist, das kritische Bewusstsein der Schüler*innen zu entwickeln, und dass dies durch aktive, dialogische und kritische Methoden in einem kollaborativen Bildungsumfeld geschehen sollte in dem die Schüler*innen dazu ermutigt werden, Wissen gemeinsam und kollaborativ zu konstruieren. Der dritte Aspekt, ist die Dokumentarfotografie, die Freire ebenfalls in seinem Ansatz verwendete. Während sie die Dokumentation des Alltäglichen fördert, das voller sozialer und politischer Realitäten ist, eröffnet sie einen wirksamen Weg, um zu hinterfragen, was hinter der Alltäglichkeit dieses Flusses mit seinen Machtstrukturen und vielschichtigen Interaktionsarenen steckt. Wie Freire (1974, 1984) betont, können diese Unterschiede und Hindernisse hinter den Lösungen nur durch Dialog, kritisches Denken und effektive Kommunikation gelöst und diskutiert werden.

Photovoice verkörpert all diese Aspekte und ist eine effektive Methode, um sich auf persönliche Erfahrungen zu konzentrieren, sie in den größeren Kontext der Gesellschaft zu stellen und ihre Bedeutung zu hinterfragen. Es schafft einen wichtigen Raum für kritischen Dialog, der das Bewusstsein schärfen kann. Drittens können der Prozess und die Ergebnisse genutzt werden, um Diskussionen anzuregen, das Bewusstsein zu schärfen und politische Entscheidungsträger*innen und Interessengruppen über alle Fragen im Zusammenhang mit den Gemeinschaften zu informieren.

Abschließend sei noch einmal betont, dass Photovoice eine wirksame Methode ist, die mit Jugendlichen eingesetzt wird, um ihre Erfahrungen, Bedürfnisse und Ideen zu reflektieren. Es unterstreicht die Bedeutung ihrer Stimmen und Standpunkte und trägt dazu bei, das Bild von Jugendlichen als verletzlich, sorglos und unverantwortlich zu verändern und ihnen ein Gefühl von Eigenverantwortung, Stolz und Verantwortung zu vermitteln, was die Kraft der Stimmen junger Menschen und die Bedeutung ihrer Rolle für den Wandel hin zu einer besseren Gesellschaft und Welt widerspiegelt (Bastien und Holmarsdottir, 2015).

Literatur zur Vertiefung

Bastien, S., & Holmarsdottir, H. B. (2015). Youth “at the margins” critical perspectives and experiences of engaging youth in research worldwide. Rotterdam: Sense Publishers.

Berman, H., Ford-Gilboe, M., Moutrey, B., & Cekic, S. (2001). Portraits of pain and promise:  A photographic study of Bosnian youth. Canadian Journal of Nursing Research., 38, 32–53.

Chio, V. C., & Fandt, P. M. (2007). Photovoice in the diversity classroom: Engagement,  voice, and the “eye/I” of the camera. Journal of Management Education, 31(4), 484–504.

Freire, P. (1972). Education: domestication or liberation? Prospects 2, 173–181.

Freire, P. (1974). Conscientisation. Cross Currents, 24(1), 23-31.

Freire, P. (1984). Education, liberation and the church. Religious Education, 79:4.

Green, E., & Kloos, B. (2009). Facilitating youth participation in a context of forced migration: A photovoice project in Northern Uganda. Journal of Refugee Studies, 22, 460–482.

Heng, T. (2016). Visual methods in the field: Photography for the social sciences. Routledge.

McIntyre, A. (2003). Through the eyes of women: Photovoice and participatory research as tools for reimagining place. Gender, Place and Culture, 10(1), 47–66.

Miled, N. (2020). Can the displaced speak? Muslim refugee girls negotiating identity, home and belonging through Photovoice. Women's Studies International Forum, 81, 1–12.

Schwartz, L., Sable, M., Dannerbeck, A., & Campbell, J. D. (2007). Using photovoice to improve family planning for immigrant hispanics. Journal for Health Care of the Poor and Underserved, 18(4), 757–766.

Sutherland, C., & Cheng, Y. (2009). Participatory-action research with (im) migrant women in two small Canadian cities: Using photovoice in Kingston and Peterborough, Ontario. Journal of Immigrant & Refugee Studies, 7(3), 290–307.

Sutton-Brown, C. A. (2014). Photovoice: A methodological guide. Photography and Culture, 7(2), 169–185.

Wang, C. C. (1999). Photovoice: A participatory action research strategy applied to women’s health. Journal of Women’s Health, 8(2), 185–192.

Wang, C. C. (2006). Youth participation in photovoice as a strategy for community change. Journal of Community Practice, 14(1–2), 147–161.

Wang, C. C., & Burris, M. (1997). Photovoice: Concept, methodology, and use for participatory needs assessment. Health Education & Behavior, 24(3), 369–387.

Project Navigating Democratic Challenges

Cover Navigating Democratic Challenges

Diese Methodenbeschreibung ist im Rahmen des Projekts „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“ entstanden, einer Zusammenarbeit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke (DTJB), dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) und der Toy Gençlik Derneği (TOY). Sie ist Teil des im Projekt entwickelten Methodenkompendiums.

Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Europäischen Union im Rahmen von ERASMUS+ gefördert. Die darin geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor*innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Europäischen Union oder von JUGEND für Europa wider. Weder die Europäische Union noch die fördernde Stelle können dafür verantwortlich gemacht werden.

Downloads

PDF Dokument - 0,6 MBAnsicht
CC BY SA Lizenz

Autor*innen / Organisationen

Module

Etwas beitragen?

Material einreichen