
Rad der Privilegien und Macht
Selbstreflexion und Austausch
Übung zur Reflexion von Identität, Privilegien und Macht aus persönlicher und kollektiver Perspektive. Die Methode fördert das Bewusstsein für Intersektionalität und Inklusion durch Einzel-, Paar- und Gruppendialoge.
Benötigte Zeit
90 Minuten
Gruppengröße
4-20 Personen
Benötigtes Material
Arbeitsblatt pro Teilnehmer:in
Lernziele
- Ungleichheiten innerhalb von Gesellschaften erkunden und verstehen
- Selbstreflexion über Privilegien und Macht in den eigenen sozialen Gruppen und Hintergründen
Lerninhalte
- Eigene Biografie
- Erfahrungen der Teilnehmenden im Umgang mit Privilegien und Diskriminierung
Hintergrund
In den letzten zehn Jahren ist Identität zu einem zentralen Thema in der Jugendarbeit geworden, insbesondere in der politischen Bildung. Dies erfordert einen sorgfältigen und kritischen Ansatz, wenn Intersektionalität und Ungleichheit aufgedeckt und reduziert werden sollen.
Die Auseinandersetzung mit Privilegien vor der Auseinandersetzung mit Vulnerabilität dient einem doppelten Zweck: Sie verhindert, dass weniger privilegierte Teilnehmer:innen aufgrund ihrer spezifischen Merkmale in den Vordergrund geraten. Zudem erkennt sie an, dass jeder Mensch über Vulnerabilität hinaus über Ressourcen und Formen von Privilegien verfügt, die als Ausgangspunkt für Empowerment dienen können.
- Die Übung rund um das Rad der Privilegien und Macht kann in der Ausbildung von Trainer:innen sowie in Lernpfaden für Erwachsene und junge Erwachsene eingesetzt und je nach den Zielen und dem Kontext des Lernprozesses für Jugendliche angepasst werden.
- Diese Aktivität kann als am Anfang eines pädagogischen Prozesses stehen, um etwa gemeinsam den Lernraum zu definieren, die darin bestehenden Machtverhältnisse zu verdeutlichen und auf die Schaffung eines Umfelds hinzuarbeiten, das inklusiv, sinnvoll und respektvoll für alle ist.
- Sie kann zur biografischen Reflexion einladen - etwa über den Weg, der uns zu dem gemacht hat, was wir heute sind, unter Berücksichtigung vergangener Erfahrungen, der Kontexte, in denen jeder Mensch lebt, sowie der digitalen und analogen Sphären, in denen sich jeder Einzelne ausdrückt.
Moderator:innen dieser Aktivität sollten...
- über fundierte Kenntnisse in den Bereichen Vielfalt und Inklusion verfügen und mit den entsprechenden Kenntnissen und Kompetenzen ausgestattet sein, um sensibel mit Gruppendynamiken umzugehen
- die Übung für sich selbst durchführen, bevor sie es in einem Lernkontext einsetzen. Die persönliche Reflexion wird ihnen helfen, die Wahrnehmungen, Überlegungen und Betrachtungen der Teilnehmenden besser zu verstehen und zu interpretieren.
Vorbereitung
Handouts in einer Kopie pro Teilenehmer:in ausdrucken.
- Die englische Originalversion von Slyvia Duckworth kann hier heruntergeladen werden.
- Eine deutschsprachige Version findet man bei der Charta für Vielfalt.

Quelle: Charta der Vielfalt
Ablauf
1. Rad ausfüllen
Aufgabenstellung: Positioniere dich entsprechend deiner Selbstwahrnehmung in den verschiedenen Bereichen des Rades. Wir werden unser Rad gemeinsam betrachten, wenn du also bestimmte Informationen über dich nicht preisgeben möchtest, lass deine Antworten einfach unausgefüllt.
2. Reflektieren
- Wie hast du dich während der Aktivität gefühlt? Und wie fühlst du dich jetzt, wenn du dein Rad betrachtest?
- Gab es Bereiche in deinem Rad, die dir schwer gefallen sind auszufüllen? Was hat es schwierig gemacht?
- Über welche Aspekte deiner Identität denkst du am häufigsten nach? Welche kommen dir seltener in den Sinn?
- Welche Teile deiner Identität beeinflussen am meisten, wie du dich selbst betrachtest?
- Welche Teile deiner Persönlichkeit kannst du in verschiedenen Situationen ohne Weiteres mit anderen teilen? Ändert sich das - zum Beispiel zwischen physischen und digitalen Räumen?
- Welche Teile beeinflussen am meisten, wie andere dich sehen? Ändert sich diese Wahrnehmung manchmal, etwa zwischen Offline- und Online-Präsenz?
- Gibt es Aspekte deiner Identität, die du anderen gegenüber eher nicht teilen willst? Woran könnte das liegen?
- Warum ist es wichtig, sich Zeit zu nehmen, um über unsere Identität nachzudenken?
- Welchen Wert siehst du darin, eine solche Aktivität in einer Gruppe durchzuführen?
3. Teilen und diskutieren
In Zweiergruppen entscheiden die Teilnehmenden, welche Fragen sie behandeln möchten, und werden gebeten, über ihre Erfahrungen und/oder über die verschiedenen Dimensionen von Privilegien zu diskutieren, wie sie diese im Kontext der Übung verstanden haben. Jede Person muss frei entscheiden können, was sie teilen, diskutieren und kommentieren möchte.
Die Moderation bittet die Teilnehmenden, eine Person auszuwählen, die sie kennen und mit der sie sich wohlfühlen – jemanden, mit dem sie ihre Gedanken und Überlegungen frei teilen möchten.
Reflexion
4. Plenumsdiskussion
Die Plenumsdiskussion ist ein wichtiger Moment für die Teilnehmenden zur Verarbeitung der gemachten Erfahrung, persönliche Überlegungen mit kollektiven Erkenntnissen zu verbinden und die Rolle von Macht, Privilegien und Identität kritisch zu hinterfragen.
Die Moderation schaffte dazu einen respektvollen Raum, der zum Austausch einlädt – ohne die TN jedoch dazu zu drängen. Sie ermutigt die Beteiligten, aus ihrer eigenen Erfahrung zu sprechen, anderen aktiv zuzuhören und sowohl Emotionen als auch Erkenntnisse wahrzunehmen, die dabei aufkommen.
Die unten stehenden Fragen dienen zur Inpiration, müssen selbstverständlich nicht alle gestellt werden.
Die Moderation beginnt mit persönlichen und emotionalen Reflexionen und leitet dann schrittweise zu allgemeineren sozialen und systemischen Fragen über. Sie schließt mit einer Meta-Reflexion über das Tool selbst und seine möglichen Anpassungen.
Anfängliche Fragen – Ausgehend von persönlichen Erfahrungen
- Wie hast du dich gefühlt, als du die Übung alleine gemacht haben, und wie haben sich diese Gefühle verändert, als ihr begonnen habt, die Reflexionen mit anderen zu diskutieren?
- Welche Teile der Aktivität empfandest du als leicht oder angenehm, und welche Teile waren eine größere Herausforderung – entweder während der individuellen Reflexion oder beim Austausch in der Gruppe?
- Was ist aus den Gesprächen zu zweit besonders aufgefallen?
- Hat dich etwas an deinen eigenen Reflexionen oder den Beiträgen der anderen überrascht?
Die Moderation lädt die Teilnehmenden ein, mitzuteilen, was sie relevant oder interessant fanden. Je nach Bewusstseinsgrad der Gruppe und Tiefe ihrer Reflexionen kann man auch einige der folgenden Fragen für die Nachbesprechung auswählen.
Privilegien und Macht erkunden
- Wenn du/ihr über die verschiedenen Dimensionen des Rades nachdenkt, welche Formen von Privilegien waren in euren Kontexten am deutlichsten sichtbar? Welche waren weniger sichtbar oder eher verborgen?
- Wie zeigen sich Macht und Privilegien in deinem Alltag – bei der Arbeit, in der Schule oder in der Stadt/im Ort?
- Gab es Dimensionen von Privilegien, die dir besonders kontextspezifisch erschienen (z. B. solche, die sich zwischen Online- und Offline-Räumen oder zwischen verschiedenen Kulturen unterscheiden)?
Digitale und physische Identitäten verbinden
- Wie verändert sich dein Gefühl von Privilegien oder Verletzlichkeit zwischen physischen und digitalen Umgebungen?
- Hat die digitale Dimension dazu geführt, dass du anders darüber denkst, wie Menschen gesehen, einbezogen oder ausgeschlossen werden?
- Wie könnten Algorithmen oder digitale Systeme bestehende Ungleichheiten verstärken oder in Frage stellen?
Das Tool hinterfragen – Meta-Reflexion
- Wie hat dir das Rad dabei geholfen, über deine eigene Identität und Position in der Gesellschaft nachzudenken?
- Hattest du das Gefühl, dass einige Kategorien oder Dimensionen in Ihrem Kontext fehlten oder weniger relevant waren?
- Welche persönlichen oder kollektiven Erkenntnisse nimmst du aus dieser Aktivität mit?
- Wie könnte diese Reflexion die Art und Weise beeinflussen, wie du mit anderen alltäglich oder beruflich interagierst?
- Welche neuen Fragen oder Neugierde hast du nach dieser Erfahrung?
Fragen an Moderator:innen (falls diese Zielgruppe sind)
- Wie kann diese Aktivität verantwortungsbewusst und inklusiv in verschiedenen Trainings- oder Lernumgebungen eingesetzt werden?
- Wenn du dieses Tool für deinen Ort/Kontext oder deine Organisation anpassen würdest, was würdest du vermutlich ändern oder hinzufügen?
Erweiterungsmöglichkeiten
Wenn die Aktivität Teil eines längeren Lernpfads ist und mit dessen Gesamtzielen übereinstimmt, kann sie als Reflexions- und Beobachtungsphase integriert werden.
Persönliche Reflexion
Bitte die Teilnehmenden, sich in den folgenden Tagen etwas Zeit zu nehmen, um über die Aktivität nachzudenken. Sie können Situationen im Alltag notieren oder darüber nachdenken, in denen sie Privilegien, Inklusion oder Exklusion bemerken – sowohl offline als auch online.
Digitale Beobachtung
Bitte die Teilnehmenden, zu beobachten, wie sie sich in digitalen Räumen (soziale Medien, Messaging, Online-Communities) ausdrücken. Ermutige sie, darüber nachzudenken, welche Teile ihrer Identität sichtbarer oder versteckter sind und wie Algorithmen das beeinflussen könnten, was sie sehen oder teilen.
Austausch und Teilen
Bitte die Teilnehmenden, sich erneut mit ihrer:ihrem Partner:in zu verbinden oder kurze Reflexionen – schriftlich oder visuell – im digitalen Raum des Projekts zu teilen, damit so der Austausch und das Lernen fortgesetzt werden kann.
Variante: Das Rad neu erfinden
Es ist möglich, das Rad mit den Teilnehmenden zu Beginn der Aktivität zu erarbeiten oder anschließend ein neues zu erstellen, wenn Zeit und Bedarf besteht, die Reflexion über mikro- und makrosoziale Dynamiken zu vertiefen.
Foto: © politischbilden.de im Computerspielemuseum Berlin

Digital Youth Work - Rights-Sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD)
Veröffentlicht im Rahmen des Projekts DIYW-ROAD, einer europäischen Partnerschaft koordiniert vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.


