
Risikoverhalten online
Arbeit mit einem Glossar
Eine reflexive Methode, die junge Menschen dazu einlädt, alltägliche Onlineverhaltensweisen mittels eines gemeinsamen Glossars zu Risiken und Auswirkungen des Digitalen zu erkunden und so emotionale Achtsamkeit und gesündere digitale Gewohnheiten zu fördern.
Benötigte Zeit
45-60 Minuten
Gruppengröße
6-25 Personen
Benötigtes Material
Standard
Lernziele
- Erkennen, benennen und reflektieren gängiger digitaler Gewohnheiten und Erfahrungen
- Vorurteilsfreier Austausch über Onlineverhalten
- Empathie, emotionale Achtsamkeit und kritisches Denken über das digitale Leben befördern
Lerninhalte
- Begrifflichkeiten zur Beschreibung digitaler Verhaltensweisen
- Digitale Selbstreflexion
Ablauf
Vorbereitung
- Gedruckte oder digitale Version eines Glossars (siehe auch Abschnitt "Ideen für das Glossar")
- Optional: individuelle Reflexionsbögen oder digitale Tagebücher
1. Einführung (10 Min.)
Viele digitale Verhaltensweisen (wie nächtliches Scrollen oder das ständige Überprüfen von Likes) sind gemeinsame, von uns allen geteilte Erfahrungen – und keine individuellen Probleme. Das Ziel der Übung ist, diese zu verstehen und zu reflektieren, nicht jedoch, Schuldgefühle oder schlechtes Gewissen hervorzurufen. Im Folgenden sollen einige Begriffe für digitale Verhaltensweisen vorgestellt und diskutiert werden.
2. Durchgehen des Glossars (15–20 Min.)
Die Moderation präsentiert und erläutert die Begriffe des Glossars - einzeln (oder per Arbeit in kleinen Gruppen).
Die Auswahl der Begriffe sollte immer an die Zusammensetzung der Teilnehmendengruppe angepasst werden – etwa Alter, Geschlecht, kultureller Hintergrund, spezifische Verhalten – oder Themen, die mit der Aktivität behandelt werden sollen.
3. Gruppendiskussion (20–30 Min.)
- Welche Begriffe kommen euch bekannt oder relevant vor?
- Welche Gewohnheiten findest du stärkend oder lustig? Welche findest du stressig oder anstrengend?
- Wie wirken sich diese Gewohnheiten auf dein emotionales oder mentales Wohlbefinden aus?
- Wie könnten gesündere digitale Gewohnheiten aussehen – für dich oder deinen Bekanntenkreis?
Variante: Selbst Definitionen kreieren
Die Moderation bittet die Teilnehmenden, in kleinen Gruppen selbst Definitionen für die Begriffe zu erstellen, ausgehend von freien Assoziationen, persönlichen Interpretationen oder Beispielen aus dem eigenen Erleben oder Alltag.
Diese Variante ermutigt die Teilnehmenden, die Konzepte mit ihren eigenen Erfahrungen in Verbindung zu bringen, bevor sie diese mit vorbereiteten Definitionen abgleichen. Sie fördert so einen Bottom-up-Ansatz, der von dem ausgeht, was sie bereits wissen oder fühlen. Dies kann zu einer tieferen und als bedeutungsvoller empfunden Diskussion führen.
Anregungen zum Nachdenken:
- Wie wirken sich diese Gewohnheiten auf das emotionale und mentale Wohlbefinden aus?
- Welche Verhaltensweisen empfindet ihr als stärkend oder unterstützend, welche als kräftezehrend oder stressig?
- Wie könnten gesündere oder ausgewogenere Alternativen aussehen – für alle, unabhängig vom Alter?
Anpassung
Diese Methode kann angepasst werden für:
- Jüngere Teilnehmer:innen (13–16) durch Verwendung von Bildkarten oder Quizfragen
- Einzelarbeit mit digitalen Tagebüchern oder Selbstevaluationstools
- Workshops für Pädagog:innen
Reflexion
Zum Abschluss der Aktivität fasst die Moderation die wichtigsten Erkenntnisse zusammen. Sie erwähnt dabei, dass das Benennen von Verhaltensweisen der erste Schritt zur Rückgewinnung der Handlungsfähigkeit ist und hebt den Wert emotionaler Achtsamkeit auch gegenüber eigenen Schuldgefühlen hervor.
Hinweise für die Moderation
Folgende Aspekte sollen in der Vorbereitung/Durchführung durch die Moderation bedacht werden:
- Begriffe wie „Sucht” sollten vermieden werden. Stattdessen sollte der Fokus auf Mustern, Kontexten und emotionalen Auswirkungen liegen.
- Eigene Erfahrungen einbringen.
- Begriffe oder Beispiele an den kulturellen und sprachlichen Kontext der Gruppe anpassen.
Ideen für das Glossar
FOMO (Fear of Missing Out)
Angst, die durch das Gefühl entsteht, von Online-Gesprächen, Ereignissen oder Inhalten ausgeschlossen zu sein. Oft ausgelöst durch soziale Medien und die Illusion, dass „alle anderen mehr Spaß haben“.
YOMO (Joy of Missing Out)
Eine Gegenreaktion auf FOMO: das Akzeptieren der Abgeschiedenheit als eine Form der Selbstfürsorge, Achtsamkeit und Rückgewinnung der Kontrolle über die eigene Zeit und Aufmerksamkeit.
Vamping
Bis spät in die Nacht mit dem Handy oder anderen Geräten wach bleiben, insbesondere im Bett. Diese Gewohnheit beeinträchtigt die Schlafqualität und führt zu Müdigkeit, wird jedoch oft als „normale“ digitale Auszeit angesehen.
Doomscrolling
Zwanghaftes Konsumieren negativer Nachrichten oder beunruhigender Inhalte – insbesondere vor dem Schlafengehen. Dies kann Ängste, Hoffnungslosigkeit oder emotionale Überlastung verstärken.
Snapchat-Streak-Anxiety
Der Druck, täglich Snap-Streaks mit Freund:innen aufrechtzuerhalten. Was als Spaß beginnt, kann zu einer sozialen Verpflichtung werden und die Vorstellung verstärken, dass digitaler Kontakt gleich echte Nähe ist.
Soziale Vergleichsfalle
Das Gefühl, „weniger wert” zu sein, nachdem man sein Leben mit den kuratierten, gefilterten Highlights anderer im Internet verglichen hat. Der Vergleich kann zu Selbstzweifeln und einem verminderten Selbstwertgefühl führen.
Filter Fatigue
Die emotionale Belastung, die entsteht, wenn man ständig sein Aussehen oder seine Persönlichkeit bearbeitet und kuratiert, um den Erwartungen der sozialen Medien gerecht zu werden. Dies kann dazu führen, dass man sich ausgelaugt fühlt oder den Kontakt zu seinem*ihrem Selbst verliert.
Notification Anxiety
Stress durch das Warten auf oder den Empfang von Benachrichtigungen (Likes, Nachrichten). Verstärkt die Abhängigkeit von digitaler Bestätigung für emotionale Sicherheit.
Digitale Enthemmung
Die Tendenz, online Dinge zu sagen oder zu tun, die man ansonsten nicht tun würde – aufgrund von Anonymität, fehlendem Augenkontakt oder wahrgenommener Distanz. Dies kann das Risiko von Konflikten oder Schaden erhöhen.
Algorithmische Selbstanpassung
Wie man online postet oder sich verhält, basierend darauf, was man glaubt, dass die Plattform – und ihr Algorithmus – belohnen oder fördern wird. Dieses Verhalten kann zum Verlust von Authentizität führen.
Brainrot
Ein Slangbegriff für geistige Erschöpfung oder Taubheit durch endloses Scrollen durch oberflächliche, sich wiederholende Inhalte (z. B. TikToks, Memes). Es hinterlässt ein Gefühl der Entfremdung oder Leere.
Digitale Dopaminschleifen
Kurze, hochbelohnende Interaktionen wie Likes, Swipes oder Benachrichtigungen, die Dopaminausschüttungen auslösen. Diese Schleifen können zwanghaftes Checken und Scrollen verstärken.
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Foto: © politischbilden.de im Computerspielemuseum Berlin

Digital Youth Work - Rights-Sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD)
Veröffentlicht im Rahmen des Projekts DIYW-ROAD, einer europäischen Partnerschaft koordiniert vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.
Die englischsprachige Originalversion dieser Methode ist unter einer CC-BY-SA 4.0 International Lizenz auf der Plattform Competendo erschienen:
➔ Risky Digital Habits

