
Threading Cultures - Kulturen verweben
Narrative Collagen – Vielfalt, Identität und Migrationsgeschichten erkunden
Threading Cultures nutzt kunstbasierte und narrative Ansätze, um interkulturelles Lernen, Reflexion und Dialog zu fördern. Mit Collagen als kreativen Werkzeugen erkunden die Teilnehmenden Identität, Zugehörigkeit, Migration und Vielfalt. Die Methode ist Teil des deutsch-türkischen Methodenkompendiums Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange
Zeit
90-120 Min.
Zielgruppe
ab 12 Jahren
Gruppengröße
8-22 Personen
Material
Zeitschriften/Zeitungen, farbiges Papier, Scheren, Klebestifte, Marker/Stifte, Wollfäden, großes Plakatpapier/Karton
Überblick
Threading Cultures nutzt kunstbasierte und narrative Ansätze, um interkulturelles Lernen, Reflexion und Dialog zu fördern, auch und insbesondere im Rahmen von Jugendaustauschen als Lernumgebungen. Mit Collagen als kreativen Werkzeugen erkunden die Teilnehmenden Identität, Zugehörigkeit, Migration und Vielfalt auf expressive, nonverbale und kollaborative Weise. Künstlerisches Storytelling verwandelt persönliche Erfahrungen in gemeinsame Bedeutungen und hilft jungen Menschen, Sprachbarrieren zu überwinden, Empathie aufzubauen und ein kritisches Bewusstsein für soziale Realitäten zu entwickeln. Durch die Verbindung von Perspektiven aus der Türkei und Deutschland verwandelt die Methode kreativen Ausdruck in einen Raum für gemeinsames Lernen, Gemeinschaftsbildung und demokratisches Engagement über Kulturen hinweg. Die Methode wurde im Rahmen eines deutsch-türkischen MethodLab vorgestellt und entwickelt, ist jedoch auch auf andere Kontexte anwendbar. Sie eignet sich vor allem für Gruppen, in denen (zumindest bei einem Teil der Teilnehmenden) familiäre Migrationsgeschichte vorhanden ist.
* Note: Descriptions in English and Turkish are available in the downloads section*
Lernziele
Durch die Teilnahme an dieser Methode können junge Menschen:
- ein tieferes Verständnis für Vielfalt, Inklusion und gegenseitiges Verständnis in multikulturellen Gesellschaften entwickeln.
- den interkulturellen Dialog fördern, indem sie zu einem gemeinsamen Kunstwerk beitragen.
- über Vielfalt, Diversität und Migration nachdenken, Familiengeschichten erforschen und vielfältige kulturelle Identitäten entdecken.
- persönliche oder kollektive Migrationsgeschichten mit künstlerischen Mitteln ausdrücken
- Migrationserzählungen und kulturelle Perspektiven vergleichen
Lerninhalte
- Identität, Vielfalt und Migration
- Biografie/Familiengeschichte, Storytelling und kollektive Kunst
- Inklusion, Solidarität und interkulturelles Verständnis
Durchführung und Hinweise
Ablauf
1. Einführung (10–15 Minuten)
Es wird kurz die Collage als Form des Geschichtenerzählens vorgestellt.
Frage an die Gruppe: „Wie kann Kunst genutzt werden, um Identität auszudrücken und das gegenseitige Verständnis zu stärken?“
Die Workshopleitung zeigt Beispiele für Collagen, die sich mit kulturellen Narrativen und persönlicher Identität auseinandersetzen.
2. Individuelle Reflexion und Kunstwerk (30–40 Minuten)
Jede*r Teilnehmende erhält Zeitschriften, Zeitungen und farbiges Papier.
Auftrag:
1) Schneide Worte, Bilder oder Symbole aus, die dich ansprechen oder zu denen du einen Bezug findest.
2) Erstelle eine Collage, die zeigt, was dich und dein Leben/Familie/Umfeld/deine Geschichte ausmacht?
Alternative 1: „Was dir in deinem Leben wichtig ist “
Alternative 2: : „…was du dir für dein Leben wünschst, was deine Ziele/Visionen für dich und deine Familie/dein Umfeld sind?“
Die Teilnehmer sortieren diese Elemente, ordnen sie an und stellen sie in einen Bezug zueinander. Schließlich kleben sie diese auf ein leeres Blatt Papier, um eine persönliche Collage zu erstellen.
Sie können Bildunterschriften oder Zeichnungen hinzufügen, um ihre Bezüge herauszuarbeiten, die Kompositionen zu vertiefen oder auch zu personalisieren.
3. Feedback und gemeinsame Collage (45 Minuten)
1. Schritt (30 Minuten):
Die Teilnehmer schreiben eine kurze Reflexion darüber, was ihnen während der Aktivität als wichtig erschien.
Die Collagen werden im Raum zusammen mit den Reflexionen aufgehängt oder auf dem Boden ausgebreitet.
Es erfolgt ein kurzer Gallery Walk (10 Minuten), bei dem die Teilnehmenden die Gelegenheit haben, zu kommentieren was ihnen auffällt (bspw. mit Notizzetteln).
(Variante) 2. Schritt (15 Minuten):
Die einzelnen Collagen werden nun zu einem größeren gemeinsamen Kunstwerk zusammengefügt. Dabei können die Teilnehmenden bspw. durch Ankleben von Wollfäden Bezüge zueinander herstellen, die ähnliche Erfahrungen symbolisieren, oder durch Veränderung der Anordnung im Raum/auf dem Boden zueinander Nähe/Ferne aufzeigen, sich wiederholende Motive erfahren auf diese Weise Bedeutungszuwachs.
(Variante) 3. Schritt (30 Minuten):
Gruppendiskussion: „Was sagt dieses kollektive Kunstwerk über unser Verständnis von Identität aus?“
Die Teilnehmenden tauschen ihre Gedanken aus und erkennen, wie individuelle Perspektiven zu einer gemeinsamen Erzählung beitragen, wo es Ähnlichkeiten gibt, oder auf welche Aspekte sie beim Betrachten aufmerksam geworden sind.
4. Diskussion (15 Minuten)
Fragen an die Teilnehmenden:
- Wie geht es mir mit meiner Collage?
- Was hat gut/ schlecht funktioniert?
- Was ist mit beim Betrachten der anderen Collagen aufgefallen?
- Wie beeinflusst das Erstellen von Collagen die Art und Weise, wie wir uns selbst und andere sehen?
- Welche Emotionen hattet ihr? Habt ihr Erkenntnisse aus diesem Prozess gewonnen?
Reflexion & Auswertung
Leitfragen zur Reflexion (Plenum oder Kleingruppen)
- Welcher Teil der Erfahrung war für euch am bedeutungsvollsten?
- Welche Ideen sind euch beim Betrachten und Verweben der Collagen gekommen?
- Hat euch dieser Prozess geholfen, Vielfalt, Diversität auch unter dem Aspekt von Migration und Migrationsgeschichte aus einer neuen Perspektive zu betrachten?
- Wie können künstlerische Ansätze dabei helfen, Fragen der Vielfalt und Inklusion anzugehen?
Für eine längere Reflexionsrunde:
Moderierende können auch historische Perspektiven einbringen, um das Verständnis zu vertiefen: Sie können beispielsweise hervorheben, dass sowohl die Türkei als auch Deutschland Migration in verschiedene Richtungen erlebt haben – als Auswanderungs-, Einwanderungs- und Transitländer. Oder sie können die Aktivität mit dem Besuch von Migrationsorten (historische Stätten und heute) verbinden und auf diese Weise aufzeigen, dass beide Länder eine lange Migrationsgeschichte haben: von Deutschland nach Amerika oder Osteuropa im 18. und 19. Jahrhundert (z. B. Bremen Auswandererhaus) über das Exil aus Deutschland während des dritten Reichs bis hin zu den heutigen Exilgemeinschaften in Deutschland – darunter auch mehrere aus der Türkei.
Auch für die Türkei ist die Migrationsgeschichte im Osmanischen Reich besonders komplex und umfasst sowohl Einwanderungs- als auch Auswanderungsbewegungen. Zu den bedeutendsten Einwanderungswellen gehörten die Ansiedlung von Juden aus Spanien im Jahr 1492 und die Ankunft von Flüchtlingen aus dem Kaukasus und der Krim ab dem 19. Jahrhundert. Nach der Auflösung des Reiches setzten sich große Migrationsprozesse fort, darunter der Bevölkerungsaustausch zwischen der Türkei und Griechenland zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
Die Auseinandersetzung mit solchen historischen Dimensionen hilft den Teilnehmenden zu erkennen, dass Migration seit jeher Teil der gemeinsamen Geschichte und des kulturellen Wandels ist. Im türkisch-deutschen Kontext können diese Überlegungen einen Dialog darüber anstoßen, wie vergangene und gegenwärtige Migrationsbewegungen Identitäten, Zugehörigkeit und interkulturelle Beziehungen heute prägen.
Varianten
Kurzversion (45–60 Minuten):
Die Teilnehmenden erstellen nur individuelle Collagen, ohne diese zu einem gemeinsamen Kunstwerk zusammenzufügen.
Erweiterte Version (2+ Stunden): Die Anfertigung der Collagen wird durch mündliches Geschichtenerzählen oder eine gemeinsame Diskussionsrunde ergänzt.
Hinweise für Planung und Moderation
- Die Methode lässt sich sehr gut an unterschiedliche Zeitrahmen, Materialien und Gruppengrößen anpassen.
- Teilnehmende können beim Nachdenken über Migration emotional werden; die Moderator*innen sollten für einen sicheren und inklusiven Raum sorgen.
- Gruppendiskussionen bringen oft gemeinsame Migrationserfahrungen zum Vorschein und stärken das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Empathie der Teilnehmenden.
- Inhaltlicher Fokus: Die Methode eignet sich vor allem für Gruppen, in denen (zumindest bei einem Teil der Teilnehmenden) familiäre Migrationsgeschichte vorhanden ist. Falls dies nicht der Fall ist, bietet sich an, den Kontext mehr auf Fragen von gesellschaftlicher Diversität, sozialen Identitäten etc. zu legen.
Hintergrund, Referenzen & verwandte Methoden
Diese Methode ist inspiriert von:
Kunstbasierter Bildung – Einsatz künstlerischer Mittel zur persönlichen und sozialen Reflexion
Narrativer Pädagogik – Geschichtenerzählen als Mittel zur Verarbeitung von Identität und kulturellem Erbe
Gemeinschaftsbasierten Kunstpraktiken – Kollektive Kreativität als Mittel des Dialogs und der Selbstermächtigung
Referenzen
Banks, J. A. (2004). Teaching for Social Justice, Diversity, and Citizenship in a Global World. The Educational Forum, 68(4), 296–305.
Quinn, T. M., Ploof, J., & Hochtritt, L. (Eds.). (2012). Art and Social Justice Education: Culture as Commons. New York: Routledge.
Portelli, A. (1991). The Death of Luigi Trastulli and Other Stories: Form and Meaning in Oral History. Albany: State University of New York Press.
Verwandte Methoden
Das könnte Ihnen auch gefallen
Geschichte(n)erzählen durch Fotografie – Bilder als Medium für (Migrations)erzählungen, bspw. Photovoice, Digital Storytelling Workshops auf www.politischbilden.de
Biographical Mapping und digitale Erinnerungslandschaften – Erstellen von Karten zur Dokumentation von sozialer oder persönlicher Geschichte, siehe zum Beispiel das Konzept des Biographical Mappings: https://sites.manchester.ac.uk/girlhood-and-later-life/biographical-mapping/ oder das Konzept der Digitalen Erinnerungslandschaft, am Beispiel des Dokumentationsarchivs Verfolgung und Widerstand im Nationalsozialismus: https://gams.uni-graz.at/context:derla
Oral-History-Workshops – Aufzeichnen und Teilen persönlicher (Migrations)geschichte(n), siehe bspw. https://home.uni-leipzig.de/methodenportal/oral-history /
Projekt Navigating Democratic Challenges

Diese Methodenbeschreibung ist im Rahmen des Projekts „Navigating Democratic Challenges – Civic Education in German-Turkish Youth Exchange“ entstanden, einer Zusammenarbeit der Deutsch-Türkischen Jugendbrücke (DTJB), dem Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten e.V. (AdB) und der Toy Gençlik Derneği (TOY). Sie ist Teil des im Projekt entwickelten Methodenkompendiums.
Das Projekt wird von der Bundeszentrale für politische Bildung und der Europäischen Union im Rahmen von ERASMUS+ gefördert. Die darin geäußerten Ansichten und Meinungen sind jedoch ausschließlich die der Autor*innen und spiegeln nicht unbedingt die Ansichten der Bundeszentrale für politische Bildung, der Europäischen Union oder von JUGEND für Europa wider. Weder die Europäische Union noch die fördernde Stelle können dafür verantwortlich gemacht werden.
Downloads


