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Wer bestimmt die digitalen Regeln?

Wie Plattformen Identität, Sichtbarkeit und Ausdruck mitbestimmen

Wie Plattformen Identität, Sichtbarkeit und Ausdruck mitbestimmen. Anhand fiktiver "Personas" analysieren die Teilnehmenden, wie Persönliches online präsentiert und verborgen wird. Dabei geht es auch um die Rolle der Plattformen und ihre engagementorientierten Systeme.

Zum Download1 Datei | Lizenz: CC BY SA

Benötigte Zeit

60-80 Minuten

Gruppengröße

4-20 Personen

Benötigtes Material

Vorlage

Lernziele

  • Lernen, wie digitale Plattformen den Ausdruck von Identität beeinflussen

Lerninhalte

  • digitale Plattformen
  • algorithmisches Kuratieren
  • digitaler Fußabdruck
Ablauf

1. Fiktive Personas vorstellen

Die Moderation bereitet vier (oder mehr) fiktive Onlineprofile (Persona) vor, wie zum Beispiel die in der Vorlage vorgeschlagenen:

  • Lina (17 Jahre alt) – Klimaaktivistin auf TikTok
  • Marco (15 Jahre alt) – Gamer auf Twitch
  • Sara (19 Jahre alt) – YouTuberin für Beauty und Mode
  • Omar (18 Jahre alt) – Werbung für ein Familienunternehmen auf Facebook

2. Analyse in kleinen Gruppen: Was teilen die Personas (und was nicht)

Jede Gruppe erhält die vier (oder mehr) Profile und diskutiert Folgendes:

  • Welche Aspekte der Identität dieser Persona kannst du aus ihren Beiträgen oder Inhalten erkennen?
  • Welche Werte, Interessen oder Emotionen scheinen sie auszudrücken?
  • Welches Bild von sich selbst baut die Persona online auf?
  • Gibt es etwas, das fehlt – Aspekte ihres Lebens oder ihrer Identität, die unsichtbar oder verborgen bleiben?
  • Wie viel von dem, was die Persona zeigt, scheint authentisch zu sein, und wie viel könnte durch soziale Erwartungen oder Trends geprägt sein?
  • Inwiefern könnte sich ihre Online-Präsenz von ihrer Offline-Persönlichkeit unterscheiden?

Die Moderation bittet die Teilnehmer:innen sich nach der Gruppenanalyse jedes Personaprofils auszumalen, wie die Plattform dieses Profil in Bezug auf Sichtbarkeit und Interaktion „behandelt”: Eher privilegiert, eher neutral, eher heruntergerankt?

3. Wie viel Aufmerksamkeit erhalten die jeweiligen Personas?

Jede Gruppe diskutiert und entscheidet auf der Grundlage des ihnen bekannten typischen Verhaltens der Plattform:

  • Wie viele Likes würde diese Person durchschnittlich pro Beitrag erhalten?
  • Wie oft würden ihre Inhalte geteilt oder gespeichert werden?
  • Wie oft würden ihre Beiträge kommentiert oder empfohlen werden?
  • Wie wahrscheinlich ist es, dass ihre Inhalte gemeldet oder ignoriert werden?

Die Moderation kann dies auf einer großen Tafel oder einem digitalen Board visualisieren: Jede Gruppe füllt die Tabelle mit Zahlen von 1 bis 5 (oder symbolischen Aufklebern, Punkten usw.) aus.

4. Abstimmung – Wer wird am meisten gesehen?

Nach den Gruppendiskussionen Sammlung im Plenum: Anhand einer großen Tabelle oder Grafik gibt jede:r Teilnehmer:in eine Stimme von 1 bis 5 zur Frage ab, wie sichtbar oder herausgehoben jede Persona wohl auf dieser Plattform wäre:

1 = selten sichtbar
5 = sehr sichtbar/von der Plattform beworben

Das Voting kann mit Haftnotizen oder Markern geschehen.

Reflexion

Die Moderation stellt folgende Fragen im Plenum:

  • Welche Personas erhielten die meiste Aufmerksamkeit von der Plattform?
  • Wessen Inhalte passen besser zur Plattformkultur? Wer ist weniger sichtbar und warum?
  • Welche Arten von Inhalten oder Identitäten werden 'belohnt'?
  • Was passiert mit Inhalten, die nicht zum Mainstreamstil oder zur Mainstreambotschaft passen?
  • Was sagt uns das über die Werte, die von den einzelnen Plattformen gefördert werden?
Relevantes Wissen für die Moderation

Digitale Plattformen wie Instagram, TikTok, YouTube oder X (Twitter) sind keine neutralen Räume. Sie basieren auf Systemen, sogenannten Algorithmen, die entscheiden, welche Inhalte die Menschen zuerst sehen. Die Algorithmen basieren auf Engagement – das heißt, je mehr Menschen etwas liken, kommentieren, teilen oder ansehen, desto sichtbarer wird es allgemein:

  • Inhalte, die starke Reaktionen (Likes, Begeisterung, Wut, Neugier) hervorrufen, werden mehr Menschen angezeigt.
  • Beiträge, die prägnant, also visuell ansprechend, kurz, emotional oder leicht verständlich sind, erhalten in der Regel eine höhere Sichtbarkeit.
  • Themen, die den Werten, Trends oder kommerziellen Zielen der Plattform entsprechen, werden häufiger beworben (z. B. Schönheit, Unterhaltung, Lifestyle oder „positive” Botschaften).
  • Inhalte, die komplex, kritisch, kontrovers sind oder gegen die Kultur der Plattform verstoßen, erhalten möglicherweise weniger Sichtbarkeit oder werden sogar durch Moderationswerkzeuge ausgeblendet – manchmal automatisch.
  • Die Systeme neigen dazu, Popularität zu belohnen, nicht Vielfalt – daher werden Personen, die bereits viele Follower haben oder beliebte Hashtags verwenden, häufiger gesehen.

Kurz gesagt: Plattformen machen das sichtbar, was die Nutzer:innen online hält und zur Interaktion anregt, weil dann auch Daten und Werbeeinnahmen generiert werden können. Infolgedessen können digitale Räume nicht nur beeinflussen, was wir sehen, sondern auch, wie wir uns ausdrücken.

Personas

Lina (17 Jahre alt) – Klimaaktivistin auf TikTok

Lina nutzt TikTok zur Veröffentlchung kurzer Videos zu Umweltthemen – von Recycling-Tipps über nachhaltige Mode bis hin zu Klimabewusstsein. Mit Musik, Inhalten zu Trends und über Challenges gestaltet sie ihre Inhalte ansprechend und leicht teilbar. Manchmal arbeitet sie mit Freund:innen aus der Schule zusammen, um Videos über lokale Projekte oder lokale Aufräumaktionen zu drehen. Sie versucht, ihr Publikum zu vergrößern und ist immer interessiert, herauszufinden, welche Art von Videos mehr Aufmerksamkeit erregen.

Marco (15 Jahre alt) – Gamer auf Twitch

Marco verbringt einen Großteil seiner Freizeit damit, Spiele zu spielen und auf Twitch zu streamen. Er teilt kurze Clips und Memes aus seinen Spielen und interagiert mit anderen Spieler:innen im Chat. Er spricht gerne über Spielstrategien und Neuerscheinungen und nimmt manchmal an Onlineturnieren oder Streams mit Klassenkamerad:innen teil. Marco lernt gerade, wie er seine Streams interessanter gestalten kann, und fragt sich, welche Art von Inhalten mehr Follower:innen anzieht.

Sara (19 Jahre alt) – YouTuberin für Beauty und Mode

Sara betreibt einen kleinen YouTube-Kanal, auf dem sie Videos über Make-up-Routinen, Kleidungsstile und alltägliche Inspirationen hochlädt. Sie plant und bearbeitet gerne ihre Videos, wählt Musik aus und interagiert mit ihren Follower:innen in den Kommentaren. Sara folgt einigen bekannten Influencer:innen, um sich Ideen zu holen, und versucht, ihre Inhalte frisch und kreativ zu halten. Sie ist neugierig zu erfahren, was einigen Creators hilft, ein größeres Publikum zu erreichen.

Omar (18 Jahre alt) – Werbung für ein Familienunternehmen auf Facebook

Omar hilft seinen Eltern bei der Verwaltung der Social-Media-Seite ihres Familienrestaurants. Er veröffentlicht Bilder von Gerichten und kurze Foodvideos oder Ankündigungen zu Sonderangeboten. Manchmal fügt er persönliche Geschichten über die Geschichte des Restaurants oder die Menschen hinzu, die dort arbeiten. Er findet es toll,  Inhalte zu Essen und Kultur online mit anderen zu teilen, und interessiert sich dafür, wie er mit seinen Beiträgen mehr Menschen erreichen kann.

 

Foto: © politischbilden.de im Computerspielemuseum Berlin

Projektlogo: DIYW-ROAD

Digital Youth Work - Rights-Sensitive, Open, Accessible, Democratic (DIYW-ROAD)

Veröffentlicht im Rahmen des Projekts DIYW-ROAD, einer europäischen Partnerschaft koordiniert vom Arbeitskreis deutscher Bildungsstätten.   

Die englischsprachige Originalversion dieser Methode ist unter einer CC-BY-SA 4.0 International Lizenz auf der Plattform Competendo erschienen:
➔ Who Sets the Digital Rules

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PDF Dokument - 0,1 MBAnsicht
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